Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Ein Brief Renoirs an einen Freund i:

14. Januar 1882

Mein Lieber Freund!

Ich bin über das Schicksal meines Briefes sehr besorgt, denn als ich ihn geschlossen
hatte, habe ich ihn gewogen, um zu sehen, ob ich nicht zwei Marken darauf kleben
müßte. Da ich aber verschiedene Briefe gleichzeitig abschickte, habe ich ihn vielleicht
in ein anderes Couvert gesteckt. Weiß der Teufel, zu wem er gelangt ist? Glücklicher-
weise habe ich noch ein zerrissenes Konzept; ich werde versuchen, ihn noch einmal ab-
zuschreiben, so wie es ist, ohne Sie noch extra um Nachsicht zu bitten. Sie wissen ja,
daß ich nicht schreiben kann. Also, nur Mut!

Nachdem ich mich lange meinem Bruder gegenüber gesträubt hatte, schickte er mir nach
Neapel einen Einführungsbrief von Herrn de Brayer. Ich lese weder den Brief, noch
sehe ich mir vor allen Dingen die Unterschrift an — und befinde mich auf dem Schiff
mit der angenehmen Aussicht, wenigstens fünfzehn Stunden Seekrankheit vor mir zu
haben. Es fällt mir ein, in meinen Taschen nachzusehen - kein Brief, ich habe ihn
wahrscheinlich in meinem Hotel liegen lassen, ich suche alles im Schiff ab — keine Rede,
daß ich ihn finde. Sie können sich meine Situation vorstellen, als ich in Palermo an-
komme. Die Stadt gefällt mir nicht, und ich fange schon an, mir zu überlegen, ob ich nicht
am Abend mit dem Schilf zurückfahren soll. Endlich gehe ich traurig zu einem Omnibus,
der die Aufschrift „Hotel de France" trägt. Ich gehe zur Post, um zu hören, wo Wagner
wohnt. Niemand spricht dort französisch, und niemand kennt Wagner, aber in meinem
Hotel, in dem Deutsche sind, höre ich endlich, daß er im Hotel des Palmes wohnt. Ich
nehme mir einen Wagen, fahre nach Montreal, wo schöne Mosaiken sind, und werde
unterwegs von einer Menge trüber Überlegungen heimgesucht. Vor meiner Abfahrt tele-
graphiere ich nach Neapel, übrigens ohne jede Hoffnung auf Erfolg, und ich warte. Da
ich keine Antwort bekomme, fasse ich den Entschluß, mich selbst vorzustellen, setze
mich hin und schreibe einen Brief, in dem ich den Wunsch ausspreche, den Meister begrüßen
zu dürfen. Mein Brief schloß etwa so: ich werde mich glücklich schätzen, Grüße nach
Paris zu bringen, unter anderen Herrn Lascoux und Frau Mendcs. Herrn de Brayer
konnte ich nicht erwähnen, da ich die Unterschrift meines Empt chlungschreibens nicht
angesehen hatte. Ich komme also ins Hotel des Palmes, ein Diener nimmt meinen Brief,
kommt nach ein paar Augenblicken wieder herunter und sagt auf Italienisch: Noll salue
il maestro, und dreht mir den Rücken. Am Morgen darauf bekomme ich meinen Brief
aus Neapel, ich melde mich wieder bei demselben Diener, der diesmal meinen Brief
mit ausgesprochener Mißachtung in Empfang nimmt. Ich warte an der Einfahrt und
mache mich nach Möglichkeit unsichtbar, da ich nur den einen Wunsch hatte, nicht
empfangen zu werden, denn ich habe mich zu diesem zweiten Versuch nur entschlossen,
um der Familie zu zeigen, daß ich nicht gekommen war, um sie um zwei Francs anzubetteln.
Endlich erscheint ein blonder, junger Mensch, den ich für einen Engländer halte, aber
er ist ein Russe und heißt Joukovski. Er entdeckt mich endlich in meinem Schlupfwinkel
und führt mich in ein kleines Zimmer. Er sagt mir, daß er mich gut kenne, und daß
Frau Wagner unendlich bedaure, mich jetzt nicht empfangen zu können. Er fragt mich,
ob ich nicht einen Tag länger in Palermo bleiben wolle, denn Wagner sei gerade im
Begriff, die letzten Noten am Parsifal zu schreiben; er sei in einem krankhaft nervösen
Zustand, wolle nichts essen usw.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Brief bezieht sich auf das Seite 74 abgebildete, im Dezember bei
Georges Petit für 1,-7000 francs versteigerte Bildnis, das Renoir im Jahre 1881 von Richard Wagner
gemalt hat.
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