Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Goldschmidt als Forscher hat die Früchte seiner halbhundertjährigen Arbeit in wenigen
Büchern und in einer großen Zahl von grundlegenden Autsätzen (in den preußischen
Jahrbüchern, im Repertorium u. a.) veröffentlicht. Seine Liebe und seine Forscherneigung
galt von Anfang an einem damals fast unbekannten Gebiet: der Kunst des deutschen
Mittelalters. Aus dem hanseatischen Kulturkreis stammend, bearbeitete er zunächst, in
denselben Jahren, in denen Alfred Lichtwark die Kunst der .hamburgischen" Gotiker
Meister Franke und Meister Bertram entdeckte, die Lübecker Kunstgeschichte, Plastik
und Malerei. Fs ward eine grundlegende Veröffentlichung von ganz neuer Art: Feinste
und gründlichste Beobachtung, genauestes Studium und Ausdeuten der Akten, umfassend-
stes Wissen in allem Historischen. So war ein unbekanntes Kapitel deutscher Kunstge-
schichte der Wissenschaft hinzugefügt. Vom Lokalen und Einzelnen ausgehend kam
Goldschmidt, immer Neuland umpflügend, zu allgemein wichtigen großen Erkenntnissen.
Was er z. B. für die Erforschung der Geschichte der sächsischen Plastik und dann weiter
der ganzen Kunst des hohen deutschen Mittelalters geleistet hat, weiß jeder, der sich
mit diesem Gebiet beschäftigt. Wo ein Aufsatz von Goldschmidt vorliegt, liegt die grund-
legende Forschung vor. Geschichtliches, Künstlerisches und Kunsttechnisches, Kulturge-
schichtliches und Ikonographisches, alles immer vom höchsten Standpunkt angesehen,
fügen sich zu einem festen Ganzen zusammen.

Fünf Jahrzehnte strengster, der reinen Wissenschaft gewidmeten Arbeit liegen hinter die-
sem großen Gelehrten. Er hat nie etwas anderes getrieben als Wissenschaft. In den
Streit der Tagesmeinungen hat er nie eingegriffen und wohl nie einen Zeitungsartikel
geschrieben.

Sein großer Einfluß auf eine ganze Generation jüngerer Kunstgelehrter beruht aber nicht
ausschließlich auf seiner wissenschaftlichen Leistung und seiner akademischen Lehre.
Er beruht aul" dem Menschlichen, diesem Menschlichen einer reinen und weisen, großen
und gütigen Persönlichkeit.

Gangolf - und Maler der Berliner Landschaft

Der Kunstklub führte eine kleine Ausstellung von Aquarellen und Radierungen des
Malers Paul Gangolf vor. Eine eigenartige, schwermütige Kunst, deren verhüllte I-'arbig-
keit entlernt bei Pascin anklingt, mit einem Element des Volkstumlichen, Drastischen
und abseitig Natürlichen. Ein Kinostar ist als große Figurine gesehen: .Indische Musi-
kanten" treten aus dem Raum der Miniatur in eine halbphantastische Wirklichkeit;
„London-Docks" — ein Stück Mauer mit dunklen, schattenhaften Figuren, hinter denen
die graue fette Krümmung des Flusses zu spüren ist. Die Radierungen geben in sen-
siblem, sehr ausfuhrlichen Strich den großen Raum als Synthese unendlich vieler
Einzelleben.

Die Ausstellung „Berlin, wie es ist und wie es keiner sehen will', halt nicht ganz, was
sie in Aussicht stellt. Immerhin ist vor allem in den Ansichten Berliner Gegenden,
Wedding, Vorstadt, Hinterhaus, die G. Wunderwald in knapper Fassung gibt, viel von
jener wachsenden, kahlen Formiiidifferenz zu fühlen, die Berlins Häßlichkeit und — Zu-
kunft bedeutet. Ein Bild, das den Block eines Hochhauses vor die Stahlkurve der Gleise
stellt, bleibt haften. Spielerischer, aber nicht verfälschend, bringt Hermann Hörner die
BMhf „malerischen" Ansichten des alten Berlin. Bruno Muller gelingt es, in einem Pankow-
Bild das dumpfe Licht einer kahlen Straße auf den bröckligen Mauern auszubreiten —
ein gemütlicher, gleichsam plaudernder Sprce-Liri!lo. E.

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