Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Die Kunst als Objekt der Politik

Es scheint das Wesen der Politik zu sein, daß sie aus Erfahrungen nichts
lernt. Vor 1914 schon wurden Austausch-Kunstausstellungen organisiert.
Damals war die politische Spannung so gefährlich geworden, daß der
Krieg jeden Tag losbrechen konnte. Die Ausstellungen haben ihn nicht
verhindert. Während des Krieges gaben dann deutsche Kunst und deutsches
Kunstgewerbe Gastrollen in den neutralen Ländern. Um Deutschland dort
beliebter, das heißt weniger unbeliebt zu machen. Mit dem Erfolg, daß
die Neutralen nur noch hochmütiger wurden. Das war große Zeit für
politisierende Dilettanten und Möchtegern-Diplomaten. Nach dem Krieg
hat die Republik die sentimental heuchlerische Kunstpolitik des Kaiserreichs
dann fortgesetzt. Mit demselben Mißerfolg. Der Krach um die Ausstellung
„Hundert Jahre belgischer Kunst" in der Akademie ist ein besonders
deutliches Beispiel.

Auch diese Lehre wird die Offiziellen nicht klug machen. Morgen werden
neue Versöhnungsaktionen mit Hilfe der Kunst projektiert werden. Denn
ein besonders damit betrautes politisches Amt will beschäftigt sein, geschäftig
ehrgeizige Regierungskommissare wollen ihr Dasein rechtfertigen. Räte.
Präsidenten und Professoren wollen feierlich offiziell fremde Souveräne
oder Gesandten anreden. Alle wollen von sich reden machen. Ob die
gezeigte Kunst gut ist - dann wäre sie auch ohne offizielle Regie will-
kommen -, wird als nebensächlich empfunden. Die Kunst als Lockvogel
der Politik!

Mit Bezug auf die Ausstellung spanischer Kunst bei A. Flechtheim wird auch
an anderer Stelle dieses Heftes von der Absurdität politisch gefärbter Kunst-
ausstellungen gesprochen. Das dort schon vor dem Akademieskandal Gesagte
ist nun schlagend bestätigt worden. Im Schoß der Akademie ist eine Ausstellung
beschlossen worden, von der jedes Mitglied wußte oder wissen mußte, daß
sie künstlerisch unergiebig sei. Wie es sich jetzt auch zeigt. War das Unter-
nehmen aber künstlerisch von vornherein nicht zu rechtfertigen, war es nur
politisch gemeint, so hätte es wenigstens ausstellungstcchnisch eindrucksvoll
verwirklicht und repräsentativ vertreten werden müssen. Statt dessen ist die
Akademie gleich zurückgewichen, als eine politische Partei Lärm schlug. Am
sichtbarsten in der Person ihres stellvertretenden Präsidenten Hans Poelzig.
Als dieser sich zum stellvertretenden Präsidenten der Akademie wählen ließ,
mußte er wissen, was sein Amt von ihm forderte: unter anderm auch
Tapferkeit vor dem Feind. Es ist beschämend zu erleben, wie er vor An-
griffen - deren Rüdigkeit heute jeder ausgesetzt ist, der öffentlich wirkt -
eilig kapituliert und gleich sein Amt zur Verfügung gestellt hat. Damit

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