Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

Page: 197
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1933/0211
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Paul Baum

Gedächtnis-Ausstellung im Kronprinzenpalais

Vor einem viertel Jahrhundert widmeten wir in diesen Blättern Paul Baum den ersten
Aufsatz. Wir lesen das damals Geschriebene durch und bestätigen es — mit leisen
Einschränkungen — angesichts dieser Gedächtnis-Ausstellung. Inzwischen hat Baum frei-
lich in einer neuen Manier gearbeitet; die italienischen Bilder und Zeichnungen sind,
im Vergleich mit denen aus Südholland, sehr hell und zarr. Im Grunde ist es dennoch
nur eine Variation der alten Ausdrucksform. Überblickt man das Gesamrwerk, wovon
die Ausstellung einen guten Querschnitt gibt, so zeigt sich der Künstler als einheitlich,
aber auch als wenig wandelbar. Er war ein handwerklich Erfahrener, zu dessen 'fugenden
ein niemals pfuschender, geduldiger Fleiß gehört hat: er war ein ernst-heiterer Mensch,
der mit einer gewissen trockenen Grazie arbeitete. Sucht man nach einem Vergleich, um
die Art dieses säuberlich neoimpressionistisch malenden und wie van Gogh — aber vor-
sichtig — zeichnenden Künstler näher zu bestimmen, so denkt man an Karl Buchholz., der in
Weimar mit seinen „Webicht"-Bildern ein liebenswürdig schüchterner Kleinmeister ge-
wesen ist. Über Baums deutschen, italienischen und holländischen Landschaften scheint
minier dieselbe Sonne — die Neo-Impressionistensonne —: die Arbeitsweise ist sauber,
redlich und läßt das Glück der Arbeit spüren. Die Neigung zu einer leicht palettenhaften
Süße und Buntheit der Farben wird ins Gleiche gebracht durch eine alles zart vernebelnde
Atmosphäre. Das gilt vor allein von den Arbeiten der letzten Zeit. Sie bedeuten dem
Lebenswerk Baums ungefähr, was im Oeuvre Monets die Londoner Themselandschaften
mit den bunt wogenden Nebeln sind.

Baum war ein nachgeborener, sonnengebräunter, rustikal aussehender Nazarener, der sich
einer franzosischen-belgischen Malweise bedient hat. Er hat seine Landschaften mit
stiller Frömmigkeit gemalt, hat alles so gut gemacht wie er konnte, und hat niemals
anders erscheinen wollen, als er war. K. Sch.

Physiologie des Künstlers

von NOVALIS

Die Hand wird beim Malen Sitz eines Instinkts, so auch beim Musiker, der Fuß beim
1 änzer, das Gesicht beim Schauspieler und so fort.

Wie der Maler mit ganz anderen Augen als der gemeine Mensch die sichtbaren Gegen-
stände sieht — so erfährt auch der Dichter die Begebenheiten der äußeren und inneren
Welt auf eine sehr verschiedene Weise vom gewohnlichen Menschen. Nirgends aber ist
es auffallender, daß es nur der Geist ist, der die Gegenstände, die Verändetungen des
Stüdes poetisiert, und daß das Schöne, der Gegenstand der Kunst, uns nicht gegeben
wird oder in den Erscheinungen schon fertig liegt — als in der Musik . . . Dem Maler
scheint die sichtbare Natur überall vorzuarbeiten, durchaus ein unerreichbares Muster zu
sein. Eigentlich ist aber die Kunst des Malers so unabhängig, so ganz a priori entstanden
als die Kunst des Musikers. Der Maler bedient sich nur einer unendlich schwereren
Zeichensprache als der Musiker: der Maler malt eigentlich mit dem Auge. Seine Kunst
'st die Kunst, regelmäßig und schon zu sehen. Sehen ist hier ganz aktiv, durchaus bil-
dende Tätigkeit- Sein Bild ist nur seine Chift'er. sein Ausdruck, sein Werkzeug der Re-
produktion . . . [Jm aber auf die ünterschiede der Malerei und Musik zurückzukommen.
So ist gleich das auffallend, daß bei der Musik Chifler, Werkzeug und Stoff getrennt,

■97
loading ...