Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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„Preußische Baukunst"

von KARL SCHEFFLER

Die Staatshochbauverwaltung hat in guten, hellen Räumen des etwas abgelegenen Verkehrs-
und Baumuseums in der Invalidenstraße eine auf Dauer berechnete Ausstellung von Bau-
entwürfen „aus der Zeit vor und nach Schinkel", also vom ausgehenden achtzehnten Jahr-
hundert bis zur beginnenden Gründerzeit veranstaltet. Es handelt sich im wesentlichen um
Blätter, die aus vergessenen Mappen des Bauamtes hervorgeholt worden sind, und im
ganzen um Arbeiten, die das verhältnismäßig hohe Niveau der Berliner Baukunst in der
angegebenen Zeit glücklich veranschaulichen. Eine besondere Nuance ist die Wieder-
entdeckung des zu Unrecht vergessenen, begabten Berliner Baubeamten Karl Ferdinand
Busse, des Erbauers des Moabiter Zellengefängnisses und des Zeichners vieler wohl-
temperierten Entwürfe.

Die Veranstalter — persönlich beteiligt sind hauptsächlich Martin Kießling und Walter
Curt Behrendt — betonten stark das Preußische dieser Baukunst. Mit Recht insofern, als
der preußische Geist in diesem bürgerlichen Klassizismus zum ersten und bisher einzigsten
Mal einen ihm ganz gemäßen Stil gefunden hat: einen abgeleiteten aber realistisch-
selbständig angewandten, einen gouvernementalen aber charaktervollen, einen etwas
beamtenhaft steifen, aber wirklich vornehmen, empfindsamen und städtebaulich ergiebigen
Baustil, in dem Traditionen lebendig nachklingen und Modernes sich schon ankündigt.
Mit Unrecht jedoch insofern, als dieser Klassizismus eine europäische Angelegenheit war,
eine Lieblingsform der philhellenischen Bildung der ganzen Zeit, die Spielart einer
bürgerlich sentimentalisierten und romantisierten Klassik. Architekturzeichnungen, wie
diese vorzügliche Ausstellung sie darbietet — Gillv, Schinkel, Persius, Stiiler, Busse usw. —
gab es damals in ganz Europa — national nuanciert. Es gab sie auch in ganz Deutschland.
In Bayern und Baden waren sie freilich nicht so gut wie in Preußen, grundsätzlich aber
waren sie nicht anders.

Die Architekten jener Zeit, selbst die simplen, waren noch vollgültige Baumeister; wenn
sie zweckvoll bauten, so reifte ihnen alles wie von selbst zu musikalisch klingenden
Formen und Verhältnissen aus Und dann konnten sie alle gut zeichnen und aquarellieren,
sie verstanden darum, ihre Entwürfe anmutig darzustellen. In diesen Architekturzeich-
nungen ist etwas von der Gesinnung, die Menzels Genie trug. Es ist etwas Episches
darin, sie wirken fast illustrativ und haben Stimmung und Atmosphäre. Bekanntlich ist
mit der Fähigkeit zum Bauen nach 1870 auch das Talent zur zeichnerischen Darstellung
verloren gegangen. Erst in allerletzter Zeit wird diese Fähigkeit innerhalb einer neuen
Generation wieder gepllegt, wie einige moderne Entwürfe der Hochbauverwaltung
beweisen. Der Anreger, der Altes und Neues organisch zu verbinden verstand, war
Tessenow.

Im ganzen also keine große Baukunst, nicht zu vergleichen mit barocken Bauten des
des achtzehnten und siebzehnten oder gar mit gotischen Bauten des sechzehnten und
fünfzehnten Jahrhunderts. Eine Baukunst aus zweiter Hand. Dennoch: welche Haltung,
welches Formgefühl, welch Charakter! Und wieviel Modernes im Historischen! Es ist
nicht nur eine rückweisende, sondern auch eine vorwärtsweiseude Ausstellung.

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