Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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„Nationalgalerie, Kronprinzenpalais — mal so, mal anders"

Die junge Gründung des Kunsrklubs, die ihre Eröffnung zur Zeit des Wackerprozesses
mit einer Ausstellung von Falschkunst, der die „garantiert echte" Kunst der Lebenden
gegenübergestellt wurde, eingeleitet hatte, veranstaltete einige Diskussionsabende, deren
wichtigster, unter obigem Titel, ebenso stürmisch wie ergebnisarm verlief. Um nach-
zuweisen, daß Justi mit der Kunst Politik treibe, wurde die Umordnung der beiden Häuser
einer rassischen Nachprüfung unterzogen, deren Resultat nicht unbestritten blieb, wahrend
versäumt wurde, die Ankaufs- und Ausstellungstätigkeit mit genauen Beispielen chrono-
logisch zu belegen und so das eigentliche Material für eine Diskussion über die Zu-
verlässigkeit und Tragfestigkeit einer amtlich führenden Kunstanschauung bereit zu halten.
Versuche Westheims, diesen entscheidenden Punkt konkret zu erörtern, scheiterten an
dem Protest, den seine einleitenden Ausführungen über die Nationalgalerie als „Institut
für Konjunkturforschung" hervorriefen. Wie in der Archäologie müsse man von der um-
gebenden Schicht auf die Herkunft schließen, hier sei es der inzwischen politisch nicht
mehr so aktuelle Herrenklub gewesen, der Justi wieder einmal bewogen habe, sich auf
den Boden der gegebenen Tatsachen zu stellen. Demgegenüber verteidigte ihn Behne
gegen „ungerechte Angriffe", pries die „noble Durchführung" der Rauch- und Schinkel-
abteilungen, seinen vom Elementaren zwar abgewendeten „eleganten Geschmack" und
kam dann auf die, seiner Ansicht nach, bedenklichen Symptome zu sprechen, die seit
Oslo darauf hindeuteten, daß sich Justi „wie ein getreuer Ekkehard auf weiter Flur
berufen fühle, gegen jüdischen Schacher zu kämpfen, als patriotischer Beckmesser". In
seinem zuletzt erschienenen Buch sei der große Vorgänger Tschad) merkwürdig wenig
genannt, der Umschlag bezeichne Justi als den ersten gerechten Richter und Schützer
deutscher Kunst! Auch der Impressionismus sei eine legitime Äußerung deutscher Kunst.
Liebermanns Wunsch, sein Werk im alten Haus zu wissen, sei deswegen so bereitwillig
erfüllt worden, weil nun im Kronprinzenpalais, abgesehen von Leihgaben und ver-
schwindenden Ausnahmen Braque), nur „germanische" und Stammes verwandte Kunst
vertreten sei. Als Ahnen lebender deutscher Kunst seien somit Münch und van Gogh,
jedoch nicht Cezanne zugelassen! Diese Geschichtsklitterung wirke leicht komisch, da
Münch durch Blut und Erbmasse Germane, in seiner Kunst aber weit eher als Liebermann
Pariser sei. Die Umtauschpolitik, die dazu führen könne, Renoir und Manet gegen rasse-
reine Dänen abzugeben, müsse sorgfältig überwacht werden. Gegen das „Tarnungsver-
fahren" der Galerie müsse mit „nordischer Offenheit" vorgegangen werden. Es gehe
nicht an, Zensuren für Deutschtum auszustellen. Der Jude und Berliner Liebermann sei
„ebenso deutsch" wie Nolde und gehöre mit ihm zusammen in ein Haus.
Mit diesem politischen 'Ihema setzten sich die folgenden Redner je nach ihrer „Konfession*
auseinander: Wollheim in einer Verulkung, I'lechtheim, indem er den Vorwurf des anti-
semitischen Verhaltens aus persönlicher Erfahrung zu entkräften suchte und mitteilte,
die „Bauchbinde" des Justibuchs sei ohne dessen Wissen von einem Yerlagstnitglicd
aufgesetzt worden (Westheim: „vielleicht ist das Buch auch nicht von Justi?"), Schacht,
indem er den Konjunkturvorwurf als demagogisch bezeichnete. Dies zu entkräften, gab
Westheim einige Fakten aus der Museumspolitik, deren erste große Tat der Ankauf des
d'Andrade von Slevogt gewesen sei. „Der Augenblick der Entdeckung junger Kunst hat
uns nicht gefreut", 1919 sei Justi mit den Künstlern der „Brücke" prinzipiell ähnlich,
das heißt konjunkturpolitisch, verfahren. Behne erklärte sich nicht widerlegt, er habe
auf eine Umdeutung seiner Tatsachenreihe vergebens gewartet. Justi sei kein Antisemit
im banalen Sinne, aber Thormachlens Auswahl der Oslo-Künstler habe, wie man sich

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