Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Zehn Jahrhunderte deutscher Kunst

von KARL SCHEFFLER

III.Teil: Barock und Klassizismus

Während des Dreißigjährigen Krieges sah es aus, als seien die künstleri-
schen Schöpfungskräfte der Deutschen erschöpft. Aber es schien nur so.
Nach dem Frieden begann es überall wieder zu knospen. Zwischen 1660
und 1700 wurden die größten persönlich bekannten deutschen Baumeister
geboren: Lukas Hildebrandt, die beiden Dientzenhofer, Daniel Pöppel-
mann, Georg Bähr, Andreas Schlüter, die Brüder Asam, Balthasar Neu-
mann, Fischer von Erlach, G. W. von Knobelsdorf, Joh. Konrad Schlaun
und andere. Von ihnen ist die deutsche Baukunst einer neuen Höhe zu-
geführt worden. Das Barock ist lange unterschätzt gewesen; tatsächlich
stellt es aber einen dritten Höhepunkt des deutschen Kunstschaffens dar-
Dem flüchtigen Blick scheint es eine italienisch-französische Formensprache
zu sein — daher auch die Unterschätzung —; doch hat dieser europäische
Stil in Deutschland eigentlich erst den ihm zusagenden Mutterboden ge-
funden. Das Barock, wie es sich in Deutschland, vor allem im katholi-
schen Süddeutschland entwickelt hat, ist recht eigentlich eine Fortsetzung
der Gotik mit anderen Mitteln, mit Hilfe italienisch abgeleiteter Formen.
Auch das Barock schafft wieder das Gesamtkunstwerk aus Architektur,
Plastik und Malerei, und es weist der Skulptur und Malerei darum folge-
richtig mehr dekorative als ergründende Aufgaben zu. Der Geist des
Barock ist gotisch-romantisch, auch er hat den steilen Höhendrang und
das heroisch Turmartige; auch er will den Raum verunklären, unendlich
machen und arbeitet zugleich mit strengen Achsen. Das Barock will ab-
solute Einheit und Homogenität: im Städtebau, im Grundriß, im Archi-
tektonischen und Dekorativen. Die Barockstadt hat etwas von einer fest-
lichen Theaterdekoration. Hinter diesem Stil stehen wieder persönliche
Bauherren mit weltlicher Autorität: Fürsten des Staates und der Kirche,
die großsinnig repräsentieren, ja prahlen und dem Volk imponieren wollten.
Dieser Wille konnte genial verwirklicht werden, weil in der Prlanzschule
neugegründeter Akademien universelle Talente heranwuchsen, die sich
dann geschickter, begabter und anspruchslos gehorsamer Handwerker be-
dienten. Die Arbeiter am barocken Gesamtkunstwerk waren die bürger-
lichen Väter und Großväter jener modernen Bürger, die in der Folge dem
neunzehnten Jahrhundert das Gesicht gegeben haben. Das künstlerische
Handwerk war kaum weniger durchgebildet als zur Zeit der Gotik.
Es stieg hervor aus der Volkskunst und reichte zu ihr wieder hinab.
Hinzu kam aber die fürstliche Autorität, die alle Fähigkeiten einem Ziel

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