Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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In Max Neumanns Aquarellen ist etwas Zauderndes; wenn das Zaudern aber absichtsvoll
überwunden wird, kommt es leicht zu einer Übertreibung des Eindrucks, zum Szenari-
schen. Philipp Franck hat unter seinen Aquarellen für diesen Zweck die ursprünglichsten
und freiesten gewählt. Karl Döbel sucht die richtige Form, die richtige Farbe noch auf
der Leinwand; er läßt den Betrachter mehr als billig am Entstehungsprozeß teilnehmen
— und bleibt darum darin stecken.

Milly Steger, die einzige Bildhauerin der Ausstellung, hat längst unsere ganze Achtung.
Von einem etwas schulmäßigen Stilisieren ist sie dahingclangt, von der Natur das Ge-
setz der Darstellung zu empfangen. Frauengrenzen; innerhalb dieser Grenzen aber oft
ein schönes Gelingen. Sichtbar hat Kolbe gewirkt, in einem Fall unverkennbar auch
Mareks. Darum steht sie aber nicht weniger selbständig und charaktervoll da in der
Reihe der handwerklich streng geschulten Bildhauer. K. Sch.

Simplicissimus

von HANS ECKSTEIN

Im Fenster des von Günther Franke lebendig geführten Graphischen Kabinetts in München
kündet der bissige rote Mops, das dem „Simplicissimus" von Th. Th. Heine gegebene
Wappentier, eine mit Drucken und Originalen reich bestellte Ausstellung „Vor- und
Nachkriegsjahre im Spiegel des Simplicissimus" an. Völlig wandlungslos ist auch der
Simplicissimus nicht durch die Zeitläufte hindurchgegangen. Aber man darf der Ausstellung
keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die Schwankungen übergeht — sie waren durch-
aus peripher. In seines Wesens Kern hat sich der Simplicissimus jetzt sechsunddreißig Jahre
lang tapfer, ja mit verwegener Kühnheit gehalten. Auch andere Witzblätter hatten oft geniale
Zeichner, wie etwa die „Fliegenden" in Oberländer und Busch. Aber nur die Künstler des
Simplicissimus haben sich geistig und künstlerisch zur geschlossenen Gruppe formiert, einen
einheitlichen, man darf hier sagen „kollektiven" Zeichenstil unter Führung Th. Th. Heines
und Olaf Gulbranssons herausgebildet. Als ebenbürtig wären nur die salirischen Zeitungen
des Julikönigtums zu nennen, denen Daumier, Gavarni, Cham das über die bloße Aktua-
lität hinaus gültige Gesicht geprägt haben. Heine und Gulbransson haben sich in Reichtum
und Reife behaupter, der Nachwuchs, Arnold, Schilling, Thöny und die auswärtigen Mit-
arbeiter, Zille, Grosz, Kubin, Pascin und andere die künstlerische Höhe gehalten. Im
besonderen im Rückblick auf den Vorkriegssimplicissimus, den hier auch die daumierhatt
gebärdige Zeichnung Rudolf Wilkes zu repräsentieren hat, wird uns die kultivierte,
menschliche Haltung dieses Zeichnerjournalismus bewußt, der sittliche Ernst, der dem Witz
erst Schlagkraft gibt. Denn das Lachen kam ja nicht immer aus innigstem Behagen und
war nichts weniger als schadenfroher Zynismus. Heute, wo die karikierten Entartungs-
fälle bedenklich in die Regel eingetreten sind, steht man einigermaßen beklommen
vor den Drucken aus den Yorkriegsjahrgängen des Simplicissimus, die seinen nahezu
pythischen Scharfblick ehren .. . Man darf sicher sein, daß die besten Simplicissimus-
karikaturen kulturgeschichtlich wie künstlerisch ihre Gültigkeit bewahren werden, auch
wenn wir an den Sünden und Sündern, die sie rügen, längst nicht mehr leiden.

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