Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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verehrten Herrn Meier-Graefe, den einzigen Van Gogh-Kenner von internationalem Ruf
und seine vornehme Bescheidenheit", die in dem Plädoyer erster Instanz folgende Zen-
sur erhalten hatte: „diese Unbeschwertheit ruft Neid hervor. Da er keine Argumente
bringt, ist eine Auseinandersetzung mit dieser molluskenhaften Haltung unmöglich. Hat
er wirklich etwas mit Bestimmtheit vertreten?'

Ruhemann hatte seine Beweisführung, die Wackerbilder seien insgesamt Fälschungen,
auf zehn Punkte gestützt. Dazu bemerkte Goldschmidt: „diese Punkte sind wurmstichig
und besitzen nicht die nötige Tragfestigkeit." Für Ruhemann und den „Kreis der Na-
tionalgalerie" (zu dem übrigens, nach Ansicht der holländischen Presse, die deutschen
Fachzeitschriften gehören, die „unter wildem Kriegsgeschrei alle Wackerbilder für falsch
erklären") sei der Fall Wacker zu einer Prestigefrage geworden, wobei es die Gefahr
erhöhe, daß das Bewußtsein parteimäßiger Einstellung nicht vorhanden sei. „Die Gren-
zen zwischen Gutachten und Parteivortrag sind flüssig. Die Flüssigkeit der Grenzen wird
verkörpert durch die Herren Restauratoren." (Das Wort „Restaurator" ist in Moabit un-
gewohnt und führte zu zahlreichen Fehlleistungen; so wäre es beinahe passiert, daß der
gewichtige Holländer Traas als „Reichsrestaurateur" vereidigt worden wäre.)
Goldschmidt erklärte: „nur uns (Deutschen) ist es bekannt, daß man mindestens Kustos
sein muß, um etwas von Kunst zu verstehen", und zu Thormaehlens Bemerkung, Brem-
mers Darlegungen seien so schlüssig wie die Behauptung, das Paradies liege in Mecklen-
burg, stellte er die Gegenfrage: „Liegt Arles auf der Museumsinsel?"
Aufschlußreich waren die Selbstzeugnisse der Experten. Einer von ihnen, der einlei-
tend zu seinem Gutachten erster Instanz bemerkt hatte, „bei meiner natürlich beschränkten
Kenntnis von Van Gogh", erklärte diesmal seine Falschheitserklärung im Jahre [929 da-
mit, daß er sie auf Grund der Leinwandstruktur zu verantworten geglaubt hatte: „Herr
S. hatte mir die Bilder ja nur von der Rückseite gezeigt!" „Das konzentrische Vorgehen
der verschiedenen Skeptiker" und vor allem „die starke Dialektik des Geheimrat Justi"
habe ihn mürbe gemacht. Da er auf kontradiktorische Fragen bejahend antwortete, be-
merkte der Vorsitzende: „Sie sagen immer ja?" — Er erwiderte: „ja, aber ich habe Zweifel!"
De La Faille gab an, er habe früher ein Zertifikat für das Brötchenbild gegeben, „aber
bei besserem Licht wurde ich stutzig". Frage: wie schlecht darf eine Beleuchtung sein,
damit sie für ein Echtheitsgutachten ausreicht:

Ein holländischer Sachverständiger sagte von einem anderen: „X. ist nicht schlecht, er
ist dumm ..."

Spiro erklärte: „Nur Dilettanten signieren ihre Bilder". - „Es wäre traurig, wenn ich
ein Greis wäre, an dem nichts zu rütteln ist."

Bremmer: „Das Leben mit dem Unterbewußten ist es, was uns so leidenschaftlich macht!"
Wissenschaftliche Arbeit sei, wenn man prüfe, was man schreibe. Die Kunstwissenschaft
sei die Wissenschaft von Kunstwerken und Künstlerleben, die Kunst bleibe sehr fern.
Letzteres wird man oft zugeben können, doch schien Bremmers Vorstellung einer strengen
Kunstwissenschaft von populären Schriften der Jahrhundertwende auszugehen, da er als
Exponenten einer systematischen Forschung „Professor Knackfuß" nannte. Alle techni-
schen Ermittlungen hielt er für irrelevant. Wenn ihm klar bewiesen würde, sagte er
einmal, daß das von W. erworbene Kröllerbild zwei Jahre nach Vincents Tod gemalt
sei, würde er fragen: „Woher wissen Sie, ob Vincents Seele nach seinem Hinscheiden
sich nicht einen kongenialen Körper gesucht hat':"

Der Ingenieur Van Gogh, der sich in seinen Urteilen sehr zurückhielt, war offenbar ge-
neigt, den einen Wackerschen Sämann für eine deutsche Fälschung zu halten, denn er
sagte: .so parademäßig marschiert man in Holland nicht heim Säen!"

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