Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

Page: 138
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photographen Hugo Erfurth ein reicheres Material zur Verfügung, das, mit sachlichen
Angaben und kulturhistorischen Anekdoten versehen, sich selbst darstellte. Daß Erfurths
vorzügliche, vor kurzem in der Kunstbibliothek ausgestellte Bildnisphotos weit besser
über den augenblicklichen Stand dieser Kunst unterrichten als das, was ihr Schöpfer
dazu auszusagen wußte, war vorauszusehen.

Eine wirkliche „Stilgeschichte der Fotografie" gab Franz Roh in seinem Vortrag über
„Mechanismus und Ausdruck"; beginnend mit den bald hundertjährigen Zeugnissen der
Daguerrotypie, jenen scharf umrissenen „Existenzbildern" auf Kupferplatten, in relief-
mäßiger Anordnung vor neutralem Grund, unvervvischt, ohne figurale Verschlingung,
machte er die weiteren Phasen dieser der Wirklichkeitserfassung dienenden mechanischen
Halbkunst durch ausgewählte Bilddokumente und Kommentare, die nie im bloß Witzigen
stecken blieben, anschaulich. Die zweite „Sehstufe" bedeutet das photographische Werk
des schottischen Malers David Octavius Hill (über den Heinrich Schwarz ein gut infor-
mierendes Buch im Inselverlag veröffentlicht hat), der sich von Landschaften mit histo-
rischer Staffage, Veduten, Sonnenuntergangsstimmungen der neuen Kunstfertigkeit zu-
wandte. Daß er das lichtschwache und unscharf zeichnende Objektiv, dem er die schöne,
fließende Weichheit seiner frühen Papierbilder verdankte, konsequent beibehielt, ist
ebenso erstaunlich wie sein monströser Montageversuch, über zweihundert Geistliche
und Kirchenälteste der „Canonmills-Kundgebung" zu einem Massenbild zu vereinigen. —
Auf den sanften Einbruch malerisch verunklärender und psychologistischer Strömungen,
den pathetischen Frührealismus um 1850, folgt der damenhafte Lyrismus der zweiten
Jahrhunderthälfte, der sich zum heildunkel wogenden, emblematischen Attributkitsch
des „Rokoko um 1880" verdickt; für 1890 steht das amüsante Photo einer „Ranke mit
abgewendeter Dame" als Exempel einer vordringlichen, unerträglich banalen und süßlichen
Rahmen- und Ilintergrunds-Motivik, Ersatz einer geschrumpften Anschauungskraft. Der Re-
quisitenphantasie betriebsamer Photo-Industrieller setzte die, von Lichtwark geführte Reini-
gungsarbeit ein Ende. Die verschwenderisch ausgestatteten Ateliers, die von der Stechpalme
bis zur Vesuvkulisse alles zum herrschaftlichen Photographieren Notwendige boten, wan-
derten als „gesunkenes Kulturgut" in die Provinz und auf das Land. Die jungen, er-
zogenen Photographen wußten die wiedereroberte Schlichtheit des Sujets durch differen-
zierte Technik interessant zu machen. Die Kreise und Generationen, deren Neigung der
tonigen Malerei galt, den matten Gläsern, dem Kopenhagener Porzellan und den frühen
Dichtungen Hofmannsthals, suchten den Kontrast von Hell und Dunkel weich zu dämpfen;
es war die Zeit der Pigmentdrucke, der Retusche, der vielfältig manipulierten Hinter-
gründe. Das Porträt, ä la recherche du temps perdu, fand Anschluß an Hill, doch das
stille und ganz erfüllte Leben jener frühen Bilder versagte sich der entwickelten Technik.
Pointierte Oberflächenbehandlung zeigt, worauf es ankam: auf alle akzessorischen Reize
der Reproduktion, nicht auf den sinnvollen Einsatz technischer Mittel zur Erkenntnis
der auf die knappste Formel gebrachten optischen Realität.

Den Gegenstand aber anschaulich zu machen, scheint eine der Photographie eigentüm-
liche Aufgabe zu sein. Die Übertragung der farbigen Raumkörperwelt in die flächige
Lichtschtift kann uns über wesentliche optische Tatbestände lapidar unterrichten, wenn
die Vorstellung des Photographen genügend stark ist, die Passivität des Apparats durch
die Intensität der „Einstellung", der Nah- und Aufsicht, restlos zu kompensieren.
Sieht man mit Roh die „zeitlose Kette guter Photos" durch, in denen Möglichkeiten
unserer technischen Tage vorweggenommen, prinzipiell erkannt oder geahnt scheinen,
so stimmt man ihm bei, wenn er „die Drastik und Unmittelbarkeit der Photos von 1930"
als das unsrer Zeit Eigentümliche hervorhebt. Durch einen Manierismus der Mittel-
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