Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 21.1932

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Geschmack
Herwarth Walden
Kohlrabi bürgerlich. Man nehme reichlich Mehlschwitze und
man hat den klassenbewußfen Geschmack. Außerdem ißt man wie
bei Muttern. Zu Hause schmeckt es am besten. Selbstgebackener
Kuchen. Man nehme etwas Persil oder Oetker, drücke einen
Maggiwürfel darüber und gieße über alles reichlich verdünnten
Himbeersaft von Kahlbaum AG. lieber den Geschmack läßt
sich streifen. Aber wir wollen nicht mehr streiten. Wir
wollen durchaus einig sein. Außer dem schlechten Geschmack
gibt es einen guten. Geschmackvoll können sein Kleidung, Woh-
nungseinrichtungen, Kunstwerke aller Art, der Ton in allen Lebens-
lagen, auch in den zugespitztesfen, die Politik, das Benehmen und
die Luxusgegenstände. Hingegen kommt es beim Essen nur auf
das appetitliche Riechen an. Das Essen ist doch unwesentlich. Es
kostet erstens Geld, was man nicht hat. Es kostet zweitens Ge-
schmack, den man für die übersinnlichen Dinge verbraucht. Und
es kostet drittens Talent, das ausschließlich dem Theater über-
fragen worden ist. Der Anfang und das Ende jedes Essens in
Deutschland besteht aus einem Wässerchen, das man durch Wörter
unterscheidet. Vor der Mitte heißt es Suppe nach Königinart, nach
der Mitte Kaffee. Das erste ist hellblond, das zweite hellschwarz.
Das Zwischengericht besteht aus Mehlschwitze, je nach der ethischen
Einstellung auf Gemüse oder auf Fleisch getan. Für diese Gerichte
gibt es sehr viele Wörter. Jedes Gemüse und jedes Tier muß ihnen
seinen Namen leihen. Wenn einem gar kein Wort einfällt, nennt
man die ganze Angelegenheit Würstchen. Sollen höhere Preise er-
zielt werden, nimmt man Fremdwörter: Ragout oder Goulasch.
Will man das Gas dabei sparen, heißt es auch Sülze. Um den
Erbfeind zu charakterisieren, entschuldigt man verdorbenes Fleisch
mit haut goüt. Die Fische werden auf jeden Fall paniert, damit sie
nicht auffallen. Nach diesen Vorbereitungen und Mahlzeiten ge-
segnete Mahlzeit, hat man den Geschmack. Und obwohl sich über den
Geschmack streiten läßt, man sich aber nicht streiten will, seid
einig, hat man also den guten Geschmack. Für ihn gibt es Normen,
eben wie bei der Mehlschwitze. Kleider werden durch Schleifen
geschmackvoll. Hemden durch rosa Passen, auch wenn sie grün
sind. Wohnungseinrichtungen durch Decken, facettiertes Kristall,
botanische oder zoologische Nachbildungen aus jedem Material und
Knie- oder Marinesfücke auf den Wänden. Kunstwerke sind ge-
schmackvoll, wenn sie die Natur nachahmen, soweit sie anständig
ist. Stehende Akte sind zwar keine Kunst aber zulässig, liegende
Akte brauchen einen geschmackvoll dekorierten Samtvorhang.
Plastiken sind immer geschmackvoll, wenn man sie gebrauchen

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