Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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F. G. WALDMÜLLER

BILDNIS EINES ÖSTER-
REICHISCHEN OFFIZIERS

wenn sie etwas von dieser alles Zwingenden
42 Zentimeter-Wucht in sich haben wird. Ob
unsere Künstler imstande sein werden, dieses
Heldentum unserer Zeit so innerlich groß
zur Darstellung zu bringen? Eine bange Frage,
eine Schicksalsfrage an die deutsche Kunst.

Doch wir haben keinen Grund zu verzagen.
Wir haben in diesen gewichtigen Tagen Un-
glaublichstes zur Wirklichkeit werden sehen.
Warum sollten wir nicht auch hier den Glau-
ben haben — der doch schon manchmal Berge
versetzte.

EIN VERKEHRTER MASSSTAB

Von Hermann Esswein

Der ungeheuerliche Gemeinplatz, daß Kunst-
werke nach keinen anderen Gesetzen zu
beurteilen seien als nach ästhetischen, gilt zur
Zeit auf allen Gassen, ja er steht im Begriffe,
eine Art Religionsbekenntnis zu werden. Ge-
boren aus der Geistesarmut einer nahezu schon
bis auf die letzte Faser mechanisierten Zeit,
will er uns gerade von den Tatsachen dieser
Verarmung und Erstarrung ablenken. Weil
unbegabte Maler allerlei Geschichtchen er-
zählten, anstatt zu malen, uns mit „Ideen" zu
blenden suchten, auf deren Billigkeit immerhin
die Masse des lieben Bildungspöbels herein-
fallen mochte, wird uns nun ein Exzeß der

ausschließlich fachlichen, rein optischen An-
schauungsweise zugemutet, deren Verfechter
gar nicht zu ahnen scheinen, in wie schreiendem
Widerspruch diese Auffassung der Kunst als
bloße Nervenreflextätigkeit zu dem vorgegebenen
tief philosophischen Wesen der neuen Kunst
steht, die, durch Krähenfüße, durch den Primi-
tivismus der Wilden, durch ein paar geschmack-
volle oder bizarre Farbenzusammenordnungen,
die schlimmste Ideenmalerei von früher noch
überbieten, uns die letzten Dinge, ja das Ding
an sich höchst selber vor Augen stellen, uns
aus dem Bereich sinnesfälliger Farben und
Farbensymbolik schnurstracks in den Mittel-

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