Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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SLEVOGTS BILDER AUS ÄGYPTEN
IN DER DRESDENER GALERIE

Von Prof. Dr. Hans W. Singer

Aus Stiftungsmitteln und mit Hilfe von ge-
l. schenkten Geldern hat die Dresdener Ge-
mäldegalerie kürzlich eine vom museums- und
sammeltechnischen Standpunkt aus ganz un-
gewöhnlich wichtige Erwerbung vollzogen. Sie
besteht aus einer Reihe von zwanzig Gemälden
Slevogts, — die größten messen 73:95 cm,
das kleinste 40:42 cm —, die, wenn auch nicht
die Gesamternte von des Künstlers ägyptischer
Reise, so doch deren wichtigsten Teil darstellen.

Schon jetzt sind diese Bilder für sich in einem
Raum der modernen Abteilung untergebracht.
In der neu zu errichtenden Galerie soll ein be-
sonderer Saal für den Zyklus, unter voller Be-
rücksichtigung seiner Eigenart, eingebaut wer-
den. Es wird damit, meines Wissens zum ersten-
mal, der Fall Rottmann wiederholt.

Daß man bei der Aufstellung in öffentlichen
Galerien immer mehr sich dahin neigt, die ein-
zelnen Meister geschlossen beisammen zu hal-
ten, erweckt in mir die Freude, die jeder natur-
gemäß empfinden muß, wenn er sieht, daß ein
Standpunkt, den er schon seit vielen Jahren
verficht, allmählich durchdringt. Wiederholt
frage ich, wenn man von der langen Reihe der
Kabinette in der Dresdener Galerie, wenigstens
einige je einem Meister wie z. B. Ruisdael über-
antwortete, wäre das nicht ein großer Gewinn?
Ja, selbst ein Wouwerman könnte durch ein
Dutzend ausgewählter, allein für sich in einem
Raum aufgestellter Werke wirken. Jetzt hin-
gegen, da er über ein Dutzend Räume, deren
jeder ein kaleidoskopisches Mosaik der Bilder
von je zwanzig und mehr verschiedenen Künst-
lern birgt, verteilt ist, weiß der Besucher selbst
mit einem so einfachen Meister nicht viel an-
zufangen.

Noch viel wichtiger als bei den sogenannten
„alten" Meistern ist dieses Hängeprinzip für
moderne Bilder, denn, — teils ist es ihre Schuld,
teils die unsere, — die lebenden Meister haben
uns alle „viel mehr zu sagen", reden meist ein-
dringlicher mit uns als die alten. Das freund-
liche Lob, das Karl Koetschau meiner graphi-
schen Abteilung in der Dresdener Ausstellung
1908 zu spenden die Güte hatte, erfolgte
nicht zum kleinsten Teil deshalb, weil ich je-
den meiner Künstler geschlossen vorführte. Da
konnte selbst ein Laie verhältnismäßig leicht
erfassen, wo dieser Künstler hinaus wollte, was
der eigentliche Ausgangspunkt von jenem sei.

Das aber ist die Leitung einer Ausstellung
dem Künstler schuldig, ihn so darzubieten, daß
er nicht nur mit einzelnen Worten oder gar
Silben, sondern mit dem geschlossenen Fluß
seiner Rede zu Gehör kommt. Dasselbe schul-
det meines Erachtens die Leitung eines Museums
den stark in ihr vertretenen Meistern, und ich
brauche nur auf die jetzige Aufstellung der
Berliner Nationalgalerie mit ihren verschiede-
nen Künstlerzimmern hinzuweisen, um daran
zu erinnern, daß diese Anschauung immer mehr
an Boden gewinnt.

Die Berliner Nationalgalerie hat ihre Menzel,
ihre Böcklin, ihre Klinger, ihre Feuerbach usw.
nur nach und nach erworben. Bei den Rott-
manns vor zwei Menschenaltern in München
und den Slevogts jetzt in Dresden gelangt das
Prinzip nun auch zur bedeutungsvollen Anwen-
dung in der Erwerbungsfrage. Rottmann ist
gegenwärtig immer noch mißachtet, wenn ich
auch glaube, daß der Tag, an dem sein Ruhm
wiederaufersteht, nicht allzulange mehr auf sich
warten lassen wird. Jedenfalls wird mir jeder,
der den Rottmannsaal in der Neuen Pinakothek
betritt, einräumen, daß der Meister offenkundig
eine besondere, außergewöhnliche, künstlerische
Absicht mit diesen griechischen Landschaften
verfolgte, und wird das auch einräumen, wenn
er selbst die Absicht als verfehlt oder unge-
löst erachtet. Ebenso gewiß ist es, daß wir
von dieser Absicht nichts wahrgenommen haben
würden, wenn wir zufällig nur zwei oder gar
nur eine von den dreiundzwanzig griechischen
Landschaften vor Augen hätten.

So wären auch ein oder zwei der neuen
Slevogts kein großer Gewinn für die Dresdener
Galerie gewesen. Ganz anders sieht es aus, so-
bald wir zwanzig Stück vor uns haben. Erst
dadurch kommt ein starker Eindruck zustande.

Mancher wird einwenden, wir können nicht
gleich von jedem Meister zwanzig Bilder er-
werben für unsere Museen, und besonders die
Maler selbst werden das vielfach vorbringen.
Ich frage, warum nicht? Sollten wir nicht ge-
rade danach trachten, für unsere Museen eben
nur solche Künstler zu berücksichtigen, von
denen wir unbedenklich gern zwanzig Werke
haben möchten? Sollen wir nicht die guten
Bilder dem Privatkäufer überlassen und für
unsere öffentlichen Sammlungen uns nur auf
die allerstärksten Meister beschränken? Der

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