Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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JOHANN SPERL

Wenige Tage, ehe der Weltbrand entfacht
wurde, am 28. Juli 1914, ist ein Mann
des Friedens, ein künstlerischer Idylliker,
dessen sanfte Bilder ganz auf ruhevolles
Wesen eingestellt sind, nach langen schwe-
ren Leidensjahren gestorben: Johann Sperl,
der feinsinnige Landschaftsintimist, der in
der neueren Kunstgeschichte für immer mit
der überragenden künstlerischen Persönlich-
keit Wilhelm Leibis zusammen genannt wer-
den wird. Der Künstler-Freundeskreis, der
sich einst um Leibi gruppierte und heute
schon kunsthistorische Geltung erlangt hat, ver-
liert in Sperl seine menschlich liebens-
würdigste Persönlichkeit, einen Mann, der in
wahrhaft treuer, opferfreudiger Freundschaft
für Leibi aufging, und der ein würdiges Le-
bensziel darin sah, Leibi in jeder nur er-
denklichen Weise dienstbar zu sein. Daß
Leibi in allen technischen Dingen von hervor-
ragender Ungeschicklichkeit war, ist bekannt,
weniger die Tatsache, daß Sperl durch sein
kluges Eingreifen zahlreiche Arbeiten Leibis
rettete, daß er ihn in Fragen der Größen-
verhältnisse und der Perspektive beriet und
daß er besonders bei dem von Leibi beliebten
Zerschneiden der Bilder das entscheidende
Wort sprach. Die Zahl der Leibl-Sperl-

Anekdoten, die sowohl das gemeinsame Ar-
beiten wie die Lebensgemeinschaft der
Freunde betreffen, ist überaus stattlich und
man kann in Münchner Künstlerkreisen im-
mer neue Varianten dieser Anekdoten zu
hören bekommen. Sperls Rolle in diesen
Geschichten ist die der absoluten Selbst-
entäußerung, und für viele ist er so nur der
Amanuensis Leibis, ohne auffallenden Eigen-
wert. Welche Folgen eine solche schiefe
Anschauung haben kann, das erhellt aus
Meier-Gräfes Sätzen über Sperl in seiner
„Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst".
Er sagt dort: „Sperl teilte die Einsamkeit Leibis
auf dem Lande, und dieser lohnte die An-
hänglichkeit, indem er in die Landschaften
Sperls zuweilen die Figuren hineinmalte." Dem
ist entgegenzuhalten, daß Sperls Lebens-
gemeinsamkeit mit Leibi durchaus nicht ein
restloses Aufgeben seiner künstlerischen Per-
sönlichkeit bedeutet. Tritt man vor Sperls
selig-ruhevolle Spätsommerlandschaften aus
der Aiblinger Gegend oder vor das in be-
rauschter Fülle der Junifarben aufleuchtende
Bild „Die Wiese", betrachtet man seine In-
terieurs in der Berliner Nationalgalerie, seine
zahlreichen, auch figürlichen Arbeiten in der
Sammlung Vermeil in Baden-Baden, so wächst

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