Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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HONORE DAUMIERS KUNST IM DIENSTE
DER POLITISCHEN KARIKATUR

Von Karl Voll

Inter arma silent musae ist ein jetzt viel
zitierter alter Spruch, den gar mancher
als Erklärung anführt, wenn er während der
Kriegsaufregung nicht zum Schaffen kommt.
Wie alt der Spruch aber auch sein mag, so
ist er doch nicht richtig und nie richtig ge-
wesen. Die griechische Kunst zur Zeit der
Perserkriege ist in ihrer glänzenden Entwick-
lung ebenso ein Zeichen, daß, bei günstiger
Konstellation der künstlerischen Lage, auch
der heftigste Kampf der Völker die Kunst
nicht mehr am Ausreifen hindert. Aber nicht
nur die positive Schaffenskraft kann weiter
arbeiten, auch das Interesse des Kunstfreundes
an schönen Werken bleibt bestehen oder wird
gar erweckt. Man denke nur daran, wie die
Römer bei ihren Kämpfen in Griechenland
rasch genug leidenschaftliche Sammler wurden,
nachdem sie zuerst sich nicht recht viel aus
den griechischen Statuen gemacht haben. Oder
man denke auch an den gallischen Bilderraub,
durch den Napoleon in Paris ein unermeßlich
reiches Museum gründete und in gewissem
Sinne die heutige Kunstwissenschaft möglich
machte. Auch die Rücksicht auf Kunst und
Künstler braucht im Kriege keineswegs schlafen;
so ist es eine schöne Tat von Wilhelm I. ge-
wesen, daß er beim Ausbruch des siebziger
Krieges den jungen Leibi, der ins Feld hätte
rücken müssen, vom Dienste freigab, weil er
gehört hatte, daß der eigenartige Künstler ein
starkes Talent habe. Auf einen Soldaten mehr
oder weniger konnte es der Armee nicht an-
kommen, aber dem Lande mußte viel daran
gelegen sein, nicht durch ein unvernünftiges
Stück Blei einen bedeutenden Maler einzu-
büßen. So könnte man viele Belege dafür
beibringen, daß in sehr verschiedenem Sinne
des Wortes der Spruch von der Kunstlosig-
keit des Krieges sich nicht halten läßt, ganz
abgesehen davon, daß eine gut gespielte Kriegs-
partie ä la Hindenburg, wie wir sie jetzt mit
staunendem Herzen verfolgen, auch ein Kunst-
werk ist.

Im besonderen möchte ich nun hier ein
sehr frappantes Beispiel herausgreifen: Die
Haltung der berühmten Pariser illustrierten
Zeitung Le Charivari, die eine Anzahl der besten
französischen Zeichner zu ihren Mitarbeitern
zählte, vor allem den Größten selbst: Honore
Daumier. Dieser war ja von Anfang ein poli-

tischer Karikaturist gewesen, hat aber in der
mittleren Periode seines Schaffens ein ver-
hältnismäßig harmloses Genre gewählt, bis er
dann um das Jahr 1860 wieder zur politischen
Karikatur zurückkehrte und sich in ihr zu
einer ungeheuren Größe erhob. Sein Stil hatte
sich zum Heroischen gesteigert, als Daumier,
der bei aller menschlichen Gutherzigkeit ein
ingrimmiger Hasser war, nun endlich den schon
lang geahnten Kampf zwischen Frankreich und
Preußen-Deutschland mit seinen Lithographien
im Charivari zu begleiten hatte. Obschon man
es nicht glauben sollte, daß Daumier in jenen
Zeiten noch über die ohnehin beinahe undenk-
bar große Höhe hinauskommen könnte, die er
um das Jahr 1870 schon erreicht hatte, hob
ihn die patriotische Leidenschaftlichkeit noch
weit über das von ihm bis dahin Erreichte hin-
aus. Dieser größte der europäischen Zeichner
des 19. Jahrhunderts kommt zur Vollendung
erst im siebziger Krieg, d. h. nur wenige
Jahre bevor er durch ein Augenleiden gehin-
dert wurde, sich seiner Kunst noch weiterhin
zu widmen.

Von Daumiers Kriegskarikaturen im Chari-
vari hat das Blatt nach seiner geschäftstüch-
tigen Gewohnheit einen Teil in einem Album
herausgegeben und sie mit einer Anzahl von
Lithographien des sich eng an Daumier an-
schließenden Cham zusammengestellt unter
dem Titel Album du siege. Diese Publikation
ist wesentlich häufiger zu treffen als die Kriegs-
jahrgänge des Charivari und hat gerade Dau-
miers späteste Zeichnungen sehr berühmt ge-
macht. Leider spürt man den Drucken nur zu
sehr an, daß sie während des Krieges ent-
standen sind, wo offenbar die Offizin des Chari-
vari schlimmen Personalmangel gehabt hat.
Aber immerhin enthält das Album einige so-
gar für Daumier unerhört starke Kompositionen.

Interessant ist es bei all diesen Entwürfen,
auch hier zu sehen, daß Daumier durch-
aus auf dem Boden des fanatischen, mit Lü-
gen genährten und mit Verleumdungen arbei-
tenden Chauvinismus steht und daß er trotz-
dem sich nicht nur künstlerisch weit über die
anderen Kriegskarikaturisten erhebt. Sie sind
alle vom gleichen Haß gegen Napoleon und
seine reaktionäre Regierung, nicht minder auch
gegen Deutschland erfüllt; aber während die
Angriffe von Cham uns heute gleichgültig lassen

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