Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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scheint das reich verwendete Rot mit Schwarz- ALBERT WEISGERBER y

braun und in den Helligkeiten Gelb mit Weiß

ein wirksam ausgleichender farbiger Gegensatz. \ m 10. Mai ist

Für die formale Gestaltung erkannte der bei den Kämp-

jr •• , . „ , . fen vor r pern der

Kunstler als rechte Aufgabe, nicht mit einer Münchner Maler

bildartigen, sondern mit einer das Architek- Albert Weisger-

tonische betonenden Malerei die Lösung zu ber, Präsident der

suchen. Andererseits sah er klug davon ab, Neuen Münchner

... 1x , . . . i . . • Secession, fürs Va-

durch eine gemalte Scheinarchitektur die an terlandgefallen. Die

sich sehr gesunden Verhältnisse des Baues jüngere Münchner
wesentlich zu verändern, wie es die Maler des Künstlerschaft ver-
Barocks oft getan haben. So entstanden in H.ert in Weisgerber

eine ihrer stärk-

architektonischer Fortsetzung der doppelten sten persönlichkei-

Wandpfeiler die gelb-weiß-roten Gurte, die sich ten. Weisgerber, am

nach oben verjüngen, mit Blumen und Frucht- 21. April 1878 in

schnüren geschmückt sind und in der Mitte InSbert in der

, ., , . . j— , . , . Pfalz geboren, ist

der Kuppel in ein rundes Feld, umrahmt mit seinem künstleri-

verzierenden Friesen, münden. Durch die Ver- schenEntwicklungs- albert weisgerber

jüngung der Gurte wird die halbkugelförmige gang nach durchaus

Kuppel in ihrer Wirkung erhöht. Die zwischen der Münchner Schu-

. . . , , „ . . , , le zuzuschreiben, wenn er sich auch nie darauf

den Gurten sich ergebenden Zwickelfelder festlegte, die Traditionen des Münchner Secessionis-

haben dunkelschwarzbraunen Grund, von dem mus um jeden Preis hochzuhalten: er war dazu eine

eine wundervolle Ruhe ausgeht, und tragen viel zu selbständige und bis zur Unliebenswürdigkeit

den figürlichen Schmuck: fast in der Mitte in eigenwilligei künstlerische Individualität Nach einer

. . . ... tt . . . kurzen Vorbereitungszeit auf der Münchner Kunst-
Feldern mit achteckiger Umrahmung je eine geWerbeschule trat Weisgerber um 1900 in die Klasse
allegorische Figur und unten über den Fenster- Stucks an der Münchner Akademie ein. Schon da-
und Türbogen sitzende Figurengruppen in etwa mals begann er seine Tätigkeit als Illustrator, die
doppelter Lebensgröße, die, in ihrer Anord- fein stattliches Segment seines künstlerischen Schaf-

rr ... , , ° ' ' ..„ . . „. fens bildet. Er schmückte ein Märchenbuch mit
nung an Michelangelos „Ignudi" in der Six- Zeichnungen und stattete moderne Lyrikbücher aus,
tina in Rom erinnernd, einen bekrönenden gleichzeitig setzte seine Wirksamkeit als Plakat-
Ring um den Raum bilden und ungemein ge- künstler ein, die ihm im Frühjahr 1903 den ersten
schickt von dem lebhaft bewegten Raum zur f™* ^Wettbewerbs für ein Plakat der Bleistift-
_ , . 6 fabrik A.W. Faber eintrug. Seine stärkste und meist-
Kune der Kuppel überleiten. kommentierte Leistung auf diesem Gebiet ist sein

Als Motiv ist dem Figürlichen zugrunde Plakat für die Nürnberger Ausstellung 1906. Bald

gelegt: Dresden als Kulturstadt. In der Mitte nahm auch die Münchner „Jugend" Weisgerber in

als Hauptbild (Abb. S. 358) eine weibliche Fi- den Krteis ihr" ^»»rbeiter auf: über Nacht Kari-

. 2,. ' ... katunst geworden, bewahrte er sich auch dieser

gur, die den Gipfel eines Berges erreicht hat, Aufgabe gegenüber — unter den graphischen Sa-

den Höhepunkt einer Kulturperiode versinn- tirikern der „Jugend" nimmt er einen Ehrenplatz

bildlichend. In den acht Feldern werden mit ein. Um 1907 ging Weisgerber nach Paris, zunächst

je einer Figur die Hauptkulturabschnitte dar- um iHustrativ für die Jugend" tätig zu sein, aber

' ,. ,° „ . ,/ , /t— j t j es erwies sich bald, daß der Aufenthalt in Paris

gestellt: Anfang der Kultur (Entdeckung des mit seinen mannigfaltigen Anregungen besonders

Feuers), Morgenländische Kultur, Griechen, den Maler in ihm befruchtete. Er warf sich an keine

Römer, Christentum, Kaiserzeit, Renaissance, der Pariser Moderichtungen weg und befreite sich

Neuzeit (Goethe). Die unteren Figurengruppen doch von einigen Münchner Manieriertheiten - so

. , ... , ^ , . & % wurde er ganz er selbst, ganz Weisgerber in einem

sind Allegorien der Grundelemente, auf denen ungestümen Aufstieg, der an sich schon in der jüng-

eine Kultur beruht: Arbeit, Opfermut (ein sten Münchner Kunstgeschichte ohne Beispiel ist,

sterbender Krieger und ein Mädchen, das gar nicht zu gedenken der Früchte, die er zeitigte.

ihren Schmuck hingibt), Forschung (Flugtech- tEini8e .det s=hönste" Arbeite.n dieser letzten Schaf-

w. ö /> & \ _ & fenspenode Weisgerbers sind „Der Kunsthändler"

mk), Rechtspflege, Friede, Kriegsbereitschaft, (Köln.Walraff-Richartz-Museum), „Die Somalifrau"

Wohltätigkeit, Kunst (Abb. S. 359). (München, Neue Pinakothek), die Grafrather Land-
Dresden ist um ein stolzes Werk mehrjähri- schaffen, die Variationen über das Thema eines

ger künstlerischer Arbeit reicher, das Otto ^gen.SebaJtian^

°^ ' Studie einer Kreuzigung, das Selbstportrat mit der
Gußmanns Ruf als einen der besten Vertreter Palette, der „Absalom". 1914 begründete Weisgerber
der dekorativen Malerei in Deutschland neu mit einer kleinen Schar von Gesinnungsgenossen die
festigt, aber auch den städtischen Behörden „Neue Münchner Secession", an deren Spitze er trat
zur Fhre Pereicht die diesen Künstler frei und deren erste Ausstellung er ins Werk setzte. Seine
zur tnre gereicnt, die diesen n.onsuer rrei künstlerische Persönlichkeit, seine starke Führer-
wählten und seine Entwürfe zur Ausfuhrung schaft und seine organisatorische Umsicht werden
bestimmten. für diese Gruppe unersetzlich bleiben. g.J.w.

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