Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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DIE KUNST DES GREGO*)

Seit C. Justis feinsinniger Greco-Studie, die 1897
in der „Zeitschrift für bildende Kunst" er-
schien, ist der Kampf um den toledanischen Kreter
und um das Besondere seiner Kunst eigentlich nicht
mehr verstummt. Indessen blieb es Meier-Gräfe
vorbehalten, in seinem Tagebuch einer „Spanischen
Reise" mit der bohrenden und aufreizenden Inten-
sität, die seinem Werben eigen ist, auch außerhalb
der Fachkreise für den Greco Stimmung zu machen
und seinen Namen über vieler Lippen zu jagen.
Zu Meier-Gräfes Theorie gab Marczell von Nemes
bald die praktische Parallele durch seine Sammler-
tätigkeit, die ihn in den Besitz der wenigen Werke
des Meisters, deren man damals noch habhaft werden
konnte, brachte — eine Kollektion, die bei der
Auktion der Nemes-Sammlung in Paris viel von
sich reden machte. Zu dem grundlegenden Greco-
Werk von B. M. Cossio (Madrid, 1909) und den
mehr essaihaften Schriften von Aug. L. Mayer
(.München, 1911) und Maurice Barres (Paris, 1912)
ist als neueste Frucht der Beschäftigung mit dem
spanisch-griechischen Meister das vorliegende Buch
des Münchner Privatdozenten Hugo Kehrer ge-
treten. Je nachdem man von dem Buch wissen-
schaftlich begründete Aufschlüsse oder ästhetisch-
psychologisch fesselnde Bemerkungen erwartet,

•) Hugo Kehrer, Die Kunst des Greco. Mit 25 Tafein.
Verlag von Hugo Schmidt, München. Brosch. M 6.—.

wird man von Kehrers Arbeit enttäuscht oder
erfreut sein. Kehrer hat sich die wissenschaft-
liche Alethode bei der Vorarbeit zu seinem Buche
zwar offensichtlich zunutze gemacht, aber es lag
ihm ganz und gar fern, eine Greco-Monographie
für Kunsthistoriker, ja auch nur eine streng ein-
gedämmte genetische Darstellung des .Meisters und
seiner Kunst zu geben. Vielmehr ist dieses Buch
ein persönliches Dokument, eine Festlegung der
Gefühle, die den Autor mit Greco verbinden, ein
feines, zartes Nachempfinden der seelischen Kämpfe
des Meisters, die aber eben mehr gefühlsmäßig
als wissenschaftlich begründet und vorgetragen sind.
Ueber den Wert einer solchen Darstellung läßt sich
nicht streiten: er ist unanfechtbar, wenn eine Per-
sönlichkeit dahinter steht, die bei aller Originalität
und Eigenwilligkeit der Anschauung den Boden
wissenschaftlicher Reellität nicht unter den Füßen
verliert. Das ist bei Kehrer erfreulicherweise der
Fall. Gerade die Art, wie er den Greco in das
Gesamtbild der zeitgenössischen und der späteren
Kunst einbezieht, gewährleistet den wissenschaft-
lichen Ernst seiner Arbeit, der den notwendigen
Hintergrund bildet auch gewisser psychologischer
Phantasien, die freilich nicht jeder widerspruchslos
hinnehmen wird. Von Stilkritik und von Bildzu-
schreibungen hat Kehrer ganz abgesehen. Wer
eine dahinzielende Greco-Monographie wünscht,
der wird sich weiterhin an Cossios Werk halten
müssen. G. J. w.

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