Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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WILHELM LEIBL DIE NICHTE LEIBLS

Ausstellung Fritz Gurlitt, Berlin — Mit Genehm, der Phot. Gesellschaft, Berlin

DIE NEUE MÜNCHNER SECESSION

Die Frühjahrsausstellung der Neuen Münchner
Secession, die in den Räumen des von einem
vorwiegend konservativen Kunstpublikum besuchten
Kunstvereins durchaus am falschen Platze war,
stand an Bedeutung und Wert weit hinter der ersten
Veranstaltung des Vereins im Sommer 1914 zurück.
Vielleicht trug zu dieser Minderung des künstleri-
schen Gewichts bei, daß einige der besten und inter-
essantesten Mitglieder: Weisgerber, Purrmann,Pech-
stein, Heß, Arnold, Lichtenberger fehlten — sie
stehen im Felde. Aber auch aus anderen Gründen
hätte es sich empfohlen, auf die Veranstaltung
zu verzichten. Die Kunst, die sich in der Neuen
Münchner Secession konzentriert, ist problematisch;
zumindest ein sehr stattlicher Bruchteil der hier
vereinigten Künstler hat seine Anregungen und die
entscheidende Richtung von den jüngsten Franzosen
und Russen erhalten, und wir sind heute, wo wir uns
bei allen Dingen äußerer und innerer Kultur wieder
unseres Deutschtums erinnern, ganz und gar abge-
neigt, derartige Vorbilder als nachstrebenswert gel-
ten zu lassen. (Es wäre noch etwas anderes, wenn es
sich um die Nachfolge Courbets oder Manets handeln
würde, über deren Wert und Stellung als Klassiker
der neueren Malerei kein Wort zu verlieren ist.)

Wenn darum die Mitglieder der Neuen Münchner
Secession in einem sehr gut abgefaßten Rund-
schreiben sich dagegen verwahren, als „Nach-
schleicher der Kunst unserer Feinde" angesprochen
zu werden, so müssen sie sich doch fragen, ob
sie diesen Vorwurf und den ganzen Entrüstungs-
ausbruch, den ihre Ausstellung hervorgerufen hat,
nicht selbst verschuldet haben. Allerdings muß
zugegeben werden, daß man in den Anwürfen
gegen die Ausstellung zu weit ging; in der Protest-
liste, die im Kunstverein auslag, standen Dinge,
die zwar ehrlich gemeint sein mochten, aber den
Boden der Sachlichkeit allzu unbesorgt verließen.
Vor allem ist es falsch, in den Mitgliedern der
Neuen Secession nichts anderes zu sehen als eine
Horde von Stümpern, von Leuten, die durch billige
„Bluffs" ihr Nichtskönnertum verdecken wollen.
Gewiß, der „Bluff" ist da und das ist bedauerlich
und wenig lobenswert, aber er ist da, weil man
ihn für gut, für den Ausdruck einer neuen künst-
lerischen Sprache hält, nicht, weil man es nicht
besser kann. Das entschuldigt die Künstler freilich
nicht — im Gegenteil. Fragt man sie : wo sind
die hoffnungsreichen Versprechungen geblieben,
mit denen ihr uns einst im Rahmen der alten Se-
cession oder irgendwo anders kamt, so müssen sie
angesichts der geringen Erfüllungen, die sie uns

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