Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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WILHELM SCHREUER

AUFKLÄRUNG AN DER YSER

WILHELM SCHREUERS KRIEGSBILDER

Von Gustav Opfer

Seit die Kanonen das Wort haben, ist der
große Streit um die verschiedenen Kunst-
richtungen verstummt. Aber das Interesse für
die Kunst selbst ist darum noch nicht erlo-
schen. Glücklicherweise hat uns der bisherige
Kriegsverlauf eine weitere Kunstpflege ermög-
licht, wenngleich die Ereignisse auf dem Kriegs-
theater unseren innersten Lebensnerv am un-
mittelbarsten berühren. So ist es auch selbst-
verständlich, daß die Kunst heute unter dem
Einfluß des Krieges steht, der mit dem Auf-
takt einer gewaltigen Volkserhebung eingesetzt
hat. Werden die Kräfte, die sie frei machte,
stark und ausdauernd genug sein, um einer
deutschen Kunst der Zukunft jene großen In-
halte zu geben, nach denen sich die Besten
des Landes sehnten? Aber wie steht es in
Wirklichkeit? Ideen und Volksstimmungen
können über Nacht wechseln. Gefahren, die
an die Ehre und die Existenz einer Nation
rütteln, können ihre Kräfte zusammenschwei-
ßen, daß sie in grandioser Einheit sich gegen
den gemeinsamen Feind zu wenden vermag.
Eine hochgehende ethische Welle spült das

Kleinliche hinweg, und eine großartige Wen-
dung kann die Frucht der Ereignisse sein.
Aber die Kunst bedarf noch mehr als das.
Sie bedarf vor allem noch des Göttergeschenks
glücklicher Zeitbedingungen, bedarf der auf-
bauenden, von Generation zu Generation ge-
tragenen Arbeit, der ungehemmten Entwick-
lung. Niemand würde so einfältig sein zu glau-
ben, daß Begeisterung allein genügen könnte,
die Waffengewalt unserer Feinde zu brechen.
Sorgsame Arbeit auf allen Gebieten des Heer-
wesens machte das Instrument des Kampfes
brauchbar und schlagbereit. Begeisterung und
Gesinnungslüchtigkeit werden auch eine neue
deutsche Kunst nicht über Nacht hervorbrin-
gen. Der Worte sind genug gewesen. Die
Zukunft gehört der schlichten Arbeit.

Die Kriegsereignisse der Neuzeit haben ohne-
hin in der Kunst wenige, in der deutschen
fast keine Spuren von weittragender Bedeu-
tung hinterlassen. Ebenso vermochte der letzte
große Krieg die folgenden 44 Friedensjahre
nicht künstlerisch zu befruchten. Die vielen,
in ihrem Verlaufe sich widerstrebenden Kämpfe

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