Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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DER KRIEG UND DIE DEUTSCHE MALEREI

Von G. I. Kern

Die Frage, ob im allgemeinen ein Krieg
der Kunst nützt oder schadet, setzt Un-
kenntnis der Bedingungen voraus, unter denen
allein Kunst und Kunstpflege gedeihen können.
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel,
daß der Krieg, den eine Kulturnation gegen
die andere führt, für die Kunst schwere Nach-
teile im Gefolge hat. Die Nachteile sind um so
größer, je mehr und weitere Gebiete alter Kul-
tur in den Bereich des Krieges gezogen wer-
den. Mag der Wunsch, Zerstörungen nach
Möglichkeit zu vermeiden, die kriegführen-
den Mächte auch von jeder unnötigen Schädi-
gung abhalten, so verbieten doch ihre Lebens-
interessen in unzähligen Fällen die Erhaltung
ehrwürdiger künstlerischer Denkmäler. Der
Soldat ist berechtigt, sein Leben und das seiner
Kameraden höher einzuschätzen als den Wert
von Werken, deren Zerstörung für die Kunst
selbst unersetzliche Verluste bedeutet. Hin-
dern sie in irgend einer Form die freie Ent-
faltung militärischer Handlungen oder werden
sie von gegnerischer Seite gar zu militärischen
Zwecken mißbraucht, so entsteht für dieHeeres-
leitung geradezu die Pflicht, sich über alle
künstlerischen Rücksichten hinwegzusetzen.
Es sind somit ethische Gründe, die im Kriege
unter Umständen die Zerstörung künstlerischer
Monumente verlangen. Aehnlich liegen die
Verhältnisse auf dem Gebiete der zeitgenössi-
schen Kunst. Hunderte von schaffenden Künst-
lern folgen den Fahnen, nur ein Teil von ihnen
kehrt zurück; eine Zeitlang oder dauernd
geht die künstlerische Kraft dieser Männer
dem Lande, dem sie angehören, verloren. In
der Heimat aber leitet der Krieg ideelle und
ökonomische Interessen von der Kunst ab.
Der Künstler selbst, meist nicht in der Lage,
sich den neuen Bedingungen des Daseins wirt-
schaftlich anzupassen, gerät in Not. Da seine
Vorbildung nur in seltenen Fällen noch auf
handwerklicher Grundlage beruht, findet er
keine Beschäftigung, die ihm einen Ersatz für
wegfallende Einnahmen gewähren könnte. Auf
der anderen Seite fällt es gerade ihm, der
meist in den praktischen Dingen des Lebens
wenig Bescheid weiß, schwer, sich Beschrän-
kungen in seiner Lebensführung aufzuerlegen.
Der Staat, durch die Aufgaben des Krieges
voll in Anspruch genommen, ist bei bestem
Willen außerstande, den zahllosen Gesuchen
um Unterstützung der Künstler Folge zu ge-

ben. Er erfüllt mehr als seine Aufgabe, wenn
es ihm gelingt, den einen oder anderen über
Wasser zu halten. Freilich sind die direkten
Wirkungen des Krieges auf die Kunst nicht
immer und unter allen Umständen zerstören-
der Art, im günstigsten Falle ist aber der
Nutzen des Krieges für die Kunst sehr gering.
Zumal in einer Zeit, deren künstlerische Ab-
sichten der Darstellung kriegerischer Ereignisse
widersprechen. Die besten Skizzen und Stu-
dien impressionistischer Maler vermögen nicht
darüber hinwegzutäuschen, daß das l'art-pour-
l'art-Prinzip sich mit einer Betätigung des
Malers im Felde nicht recht verträgt. Ein mit
künstlerischer Phantasie begabter Dichter mag
in Rede und Schrift, angeregt durch kriegeri-
sche Erlebnisse, lebendige Kunstwerke her-
vorbringen, der Maler von heute ist, von we-
nigen Ausnahmen abgesehen, dazu nicht im-
stande. Der Impressionist wird, wenn er sei-
ner künstlerischen Ueberzeugung treu bleibt,
auch die dramatischsten Vorgänge nur mehr
als Stilleben auffassen und kaum mehr leisten
als die Momentphotographie, der „Expressio-
nist" von heute wird nicht über eine matte
symbolische Dekoration hinauskommen. Selbst
wenn das erzählende Moment noch Bedeutung
im künstlerischen Schaffen besäße, würde eine
realistische Darstellung größerer Ereignisse im
Einzelbilde nicht mehr möglich sein, denn der
moderne Krieg hat die Schlacht unsichtbar ge-
macht. Kein Pinsel vermag überhaupt mehr
die ungeheueren Abmessungen des modernen
Schlachtfeldes, die in der Erde wühlenden
Massen, den Kampf der Maschinen auf Entfer-
nungen, die jeder Vorstellungspotten,zu bannen.

Ist so im ganzen die unmittelbare Wirkung
des Krieges auf die Kunst zerstörender Art,
so kann die mittelbare aufbauend und förder-
lich sein. Wir denken hier nicht sowohl an die
Wiederkehr und Steigerung materiellen Wohl-
standes, der nach einem siegreich beendeten
Kriege der Kunst neue Kräfte zuführen würde,
als vielmehr an das Erwachen des nationalen
Empfindens, das die erste und notwendigste
Folge des Kampfes um das Bestehen eines
Volkes darstellt. Wenn sich der Wiederkehr
eines starken nationalen Bewußtseins ein Auf-
schwung in Handel und Verkehr gesellt, dann
sind alle äußeren Bedingungen auch für den
Aufschwung der Kunst erfüllt; nur eine sich
überstürzende Entwicklung im wirtschaftlichen

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