Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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VON AUSSTELLUNGEN

KÖLN. Der Kunslverein bringt in seiner neuen,
durchaus zeitgemäßen Ausstellung größere
Kollektionen von Landschaften aus Belgien und
Kußland; letztere von gregor von bochmann,
dem Vater des kürzlich gefallenen Bildhauers.
Man kennt und schätzt von je diese malerisch so
delikat ausgeführten und geschmackvollen Bilder
und Bildchen aus der esthländischen Heimat des
Künstlers, auch die meisterlichen Zeichnungen, die
wunderbar weiträumig mit kleinen Figuren belebte
Szenen geben aus dem Bauern- und Hirtenleben. —
Stimmungsreiche Landschaften aus Belgien und vom
Niederrhein zeigt eugen kampf (Düsseldorf). —
Vollends das Zeitgemäße trifft der Krefelder grusz-
ka in seinen Aquarellen und getuschten Skizzen
aus dem Gefangenenlager Senne, die das Publikum
zu interessieren vermögen durch die Darstellung
der unendlich verschiedenen Typen unserer Feinde;
wertvoller scheinen uns die Holzschnitte des Künst-
lers zu sein. — Als Vertreter einer ganz anderen
Welt begrüßen wir heinrich nauen in einer größe-
ren Kollektion Stilleben und Landschaften, die auch
hier wieder durch ihre glühende Farbenpracht und
dekorative Geschicklichkeit stark wirken. Seine
Radierungen leiten über zu den mannigfachen
graphischen Arbeiten, die der Kunstverein sonst
noch zeigt: Holzschnitte von E. schrammen (Wei-
mar) und H. WüST (Köln). Der oft gerühmte feine
Graphiker P. PröTT hat eine neue Serie Kölner
Radierungen ausgestellt. f.

MÜNCHEN. In der Galerie Heinemann gab es
zehn Werke von Michael MunkäCSY zu
sehen: das Fragment einer geplanten großen Mun-
käcsy-Ausstellung, deren Zustandekommen durch
den Kriegsausbruch vereitelt wurde. Immerhin
gaben die gezeigten Werke eine Vorstellung von
Munkäcsys künstlerischer Persönlichkeit, die im
letzten Jahrzehnt bedauerlicherweise etwas in den
Hintergrund des Kunstinteresses getreten ist, ob-
wohl Munkäcsys Zusammenhänge mit Uhde, Lie-
bermann und Leibi ihn mit den meistgeschätzten
Meistern unserer Epoche in Kontakt setzen. Stu-
dien zu dem berühmten religiösen Paradestück
Munkäcsys: „Christus vor Pilatus" riefen die Er-
innerung wach an eines der meistbesprochenen
und bestgescholtenen religiösen Bilder derachtziger
Jahre, das an Popularität selbst noch Uhdes
„Lasset die Kindlein zu mir kommen" und Lieber-
manns „Zwölfjähriger Jesus im Tempel" übertraf.
Ein großes Interieur mit Familienszene, wie der
„Streik" etwas dunkel und schwer in der Malerei,
bot dem, der Uhdes Interieurbilder kennt, die wäh-
rend seiner Pariser Studienjahre entstanden, inter-
essante Parallelen. Ein sehr farbig gehaltenes, in
der Silhouette frisch und kühn hingesetztes Blumen-
stilleben erfreute durch ausgesprochen artistische
Qualitäten und eine ganz sichere dekorative Wir-
kung. Den tiefsten Eindruck hinterließen indes zwei
Parkbilder, mit modisch gekleideten Damen staf-
fiert, Gemälde, die mit prachtvollem Kolorit, be-
sonders fein nuancierter Grünmalerei, eine unge-
wöhnlich klare und glückliche Raumdisposition
verbinden. g. j. W.

IEN. Ein Meister der Linie und Farbe zu-
gleich ist der jugendliche egon schiele, der
vor einiger Zeit bei Arnot ausstellte. Wie Kokoschka
ist er von Klimt ausgegangen und auch weiterhin
schneiden sich die Bahnen der beiden häufig. Auch
in ihm ist etwas Krampfiges, wodurch ihm gerade
hochgesteigerte Momente besonders eindrucksvoll

gelingen: „Agonie" und „Erwachen der Toten", die
Stimmung des Morgengrauens, ja auch das Grauen
des eintönigen Alltags, die prophetische Ekstase,
die Mutterschaft. Beim nackten Körper dringt er
am liebsten bis zum Skelett, streckt ihn, um ihn
beredter zu machen und schmiegt ihn herrisch in
kalligraphische Linien, die zu beben scheinen vor
Kraft des Ausdrucks. Aber dieser Krampf ist
wunderbar rein gelöst in vielen Porträts und in den
Landschaften, in denen er gerne, wie alle guten
Zeichner, ein kahles Astgewirre scharf gegen den
Hintergrund setzt. Seine Farbe — Oel auf Gips-
grund — ist durchsichtig leuchtend wie alte Kirchen-
fenster. So wird ihm jedes alte Städtchen zu Vineta,
seine Himmel irisieren wie Opale, seine Metalle
haben einen alten, verblichenen Glanz. Am liebsten
malt er den Vorfrühling und Jünglinge, und deren
Wesen ist auch das seiner Kunst: gleich so ver-
halten, spröde, eigenwillig, voll Sehnsucht und früh-
reifer Ahnungen starrt sie mit großen Augen ins
Leben hinaus.

PERSONAL-NACHRICHTEN

FLORENZ. Am 7. Februar ist Arnold Böcklins
Witwe, Frau ANGELA BöCKLIN, geborene Pas-
cucci, in S. Domenico bei Florenz im Alter von
79 Jahren gestorben. Ueber 50 Jahre war sie dem
großen Künstler die tapfere Gefährtin, und unend-
lich reich an Sorgen und Elend sind im besonde-
ren die frühen Jahre ihrer Ehe gewesen, die Jahre
in Rom, Basel und München, da sie in stillem Hel-
dentum dem mit Krankheit und Brotsorgen aufs
stärkste kämpfenden Böcklin helfend zur Seite stand.
Ihre Lebenserinnerungen, die 1910 erschienen sind,
geben ein Bild dieser Frau, die für Leben und
Schaffen Böcklins von nicht geringer Bedeutung ge-
wesen ist.

HAMBURG. Hier ist am 19. Januar d. J. der
Tier- und Landschaftsmaler THOMAS Ludwig
Herbst im 67. Lebensjahre gestorben. Da seine
koloristisch fein und tief empfundenen Bildtafeln,
die in ihrem landschaftlichen Teile vornehmlich
Motive aus der engeren hamburgischen Heimat des
Künstlers behandelten, beinahe ausnahmslos von
der Staffelei hinweg in den Besitz hiesiger privater
Sammler übergingen, er überdies im Schaffen ziem-
lich langsam war, ist Herbst selbst in seiner Vater-
stadt nur in intimeren Kreisen bekannt geworden
und zur Würdigung gelangt. Trotzdem war (infolge
seiner stillen Mitarbeit in den wichtigeren Kunst-
kommissionen) sein Einfluß auf die Entwicklung
des Hamburger Kunstlebens in den achtziger und
neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts größer
als der irgend eines anderen zeitgenössischen Ham-
burger Malers. Von allen Schulen, die er durch-
laufen — Berlin (wo er 1866—69 bei Steffeck zu-
sammen mit Liebermann studierte), Weimar, Düs-
seldorf, Paris —, hat die Kunst der Seinestadt auf
seine eigene Kunst am stärksten und nachhaltig-
sten eingewirkt, ohne daß indes seine ausgeprägte
Eigenart darunter zu leiden gehabt hätte. h. e. w.

MÜNCHEN. Der Schweizer Maler Viktor
Tobler, der seit seiner Jugend in München
lebte, ist hier gestorben. Geboren 1846 war er
Schüler der Münchner Akademie unter Linden-
schmit. Er malte mit Vorliebe Bilder aus der
Schweizer Geschichte, und die meisten seiner Ge-
mälde fanden in Schweizer Sammlungen Aufnahme.
In München fand man seine Bilder in den Glas-
palastausstellungen.

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