Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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GUSTAV SCHÖNLEBER

RIV1ERA

im Süden malte, wurde schon 1873 auf der
Wiener Kunstausstellung prämiiert. So sehr
ihn der Süden fesselte, er hielt ihn nicht fest,
sehbegierig trieb es ihn an den Rhein, nach
Holland. In den Jahren 1875 und 1876 reiste
er im Dienste großer Illustrationsaufträge an
die Nord- und Ostsee. Dann saß er wieder
heiße Tage in Chioggia, „ganz beim Malen!"

Im Jahre 1878 sah er die Pariser Aus-
stellung, lernte Dieppe, die englische Küste,
London und seine Kunstschätze kennen, mit
besonderem Interesse Constable und Turner.
Alle Eindrücke wirkten auf die Verstärkung
seiner Eigenart. Ein damals entstandener heimat-
licher Stadtgraben erhielt in München, im
Jahre 1879, die kleine Medaille. Im darauf-
folgenden Jahre berief ihn Großherzog Fried-
rich von Baden an die Kunstschule nach Karls-
ruhe, ein Wendepunkt im Leben des Künstlers.
Diese Berufung bedeutete eine rückhaltslose
Anerkennung von seiten eines Staates, der durch
die Persönlichkeit seines Fürsten, des Groß-
herzogs Friedrich, etwas Unpolitisches, Intime-
res, Herzlicheres in seinen Initiativen hatte.

Unter manchen natürlichen Konflikten gab
Schönleber seine bewußt genossene Freiheit
und seine vielgeliebte Ruhestation München

auf und begann zu lehren, mit der ehrlichen
Hingabe, die ihm zu eigen ist. Er kämpfte
mit in der Kunstentwicklung der neunziger
Jahre und ward inmitten aller widerstrebenden
Elemente ein Neuerer, der Schüler auf Schüler
anzog und festhielt. Seine einzigartige, wach-
sende Schule, an der sein Freund Baisch in
gleichem Geiste mitwirkte, gewann einen inter-
nationalen Ruf. Seine Lehren und sein Bei-
spiel übten durch anderthalb Jahrzehnte einen
schöpferischen Einfluß auf eine große Anzahl
von Schülern, die heute in Deutschland aner-
kannte Künstler sind, wie Bergmann, Hoch,
Kallmorgen, Strich-Chapell, Volkmann und
viele andere.

In dieser Zeit größter Arbeitsbegeisterung
und Arbeitsfrische schloß Schönleber die Ehe,
die das höchste zu dem Reichtum seines
Lebens beitrug und beiträgt. Die junge Lands-
männin aus seinem vielgeliebten und vielge-
malten Eßlingen, die er im Jahre 1882 heim-
führte, verstand ihn, seine Kunst, ihren Ernst,
ihre Notwendigkeiten, ihr Ziel. Sie teilte alle
Wanderungen, alles Warten und Werben einer
Beleuchtung willen, alle Kleinarbeit und alle
Großarbeit, also auch alle Genüsse und allen
Lohn! Sie war mit in Holland, Belgien,

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