Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 57.1941-1942

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Foto Dolf Siebert, Düsseldorf

Paul Cauchie. Bauern

Wallonische Kunst der Gegenwart. Eine Ausstellung in Düsseldorf

Von Anna Klapheck-Strümpell

Die sprachliche Grenze, welche die romanischen Wal-
lonen von den germanischen Flamen scheidet, hat sich
durch den wechselvollen Gang einer fast eineinhalb-
tausendjährigen Geschichte seltsam unverrückt erhal-
ten. Sie verläuft in annähernd genauer West—Ost-
Richtung nördlich von Lille bis etwa Maastricht; we-
der Flußlauf noch Gebirge bestimmen sie. Das wun-
derliche politische Kräftespiel des Mittelalters hat die
germanischen Provinzen Flanderns Frankreich zu-
gewiesen, wallonisches Land zwischen Scheide und
Maas aber, als Teile Lotharingiens, Deutschland an-
gegliedert. So viele Fäden sich hierdurch auch hin-
und herüber spannten — gerade nach dem Xieder-
rhein bestehen zahlreiche Beziehungen —, die Schei-
dung nach Rasse und Sprache blieb im wesentlichen
unangetastet.

Die stammesmäßige Zusammengehörigkeit von Künst-
lern und Kunstwerken gilt heute mehr als die staat-
lich-politische. An Stelle einer „belgischen" Kunst ist
eine solche der Flamen und Wallonen getreten. Flä-
mische Kunst, gipfelnd in Rubens, erscheint uns als
die Kunst des Malerischen schlechthin, begünstigt
durch das zitternde Spiel der Atmosphäre, die Ebene
und Meer zusammenbindet. Unsere Vorstellung von
wallonischer Kunst ist geringer. Schwerer zugänglich
ist das gebirgige Land. Die Industrie schiebt sich wie
ein Riegel im Norden vor. Die Wallonie gilt als Land
der Bildnerkunst. Tournai besaß im 15. und 16. Jahr-
hundert eine hochentwickelte Bildhauerschule, welcher
der Maler Rogier van der Weyden in der Jugend zuge-
hört haben soll. In den Maasstädten und in Möns waren
berühmte Metallschneider beheimatet, im 17. Jahr-

Kunst für Alle. Jahrg. 57. Heft 8. Mai 1942

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