Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 8.1910

Seite: 346
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EDOUARD MANET, DER JUNGE STIER

DIE SAMMLUNG ROTHERMUNDT

von PAUL FECHTER

ie Sammlung Rothermundt in
Blasewitz enthält, ebenso wie
die Sammlung Schmitz, fast
nur Werke aus der Epoche
des Impressionismus- und
zwar im wesentlichen des
deutschen. Den Kern der
Sammlung Schmitz bilden
die Franzosen von Delacroix
und Daumier bis zu Gauguin
und van Gogh; die deutsche Ent-
wicklung ist nur in den Hauptpunkten angedeutet.
In der Sammlung Rothermundt dominieren die
Deutschen, wenn auch der französische Impressio-
nismus ebenfalls durch eine Reihe bedeutsamer Ar-
beiten vertreten ist. Dort sieht man in der Haupt-
sache die Entwicklung der neuen Form; hier dieKon-
sequenzen, die das neue Deutschland, insonderheit
der Norden, aus der Berührung mit ihr gezogen hat.

Courbet undManet machen zeitlich den Anfang.
Courbet ist mit einer ganz interessanten, wenn auch
sein Eigentliches nicht völlig umschreibenden Land-
schaft vertreten, Manet mit dem „Jungen Stier" und
dem „Bettler". Die beiden Tendenzen seines Wol-
lens, aus denen die besonderen Phasen seines Schaltens
resultierten, kommen in diesen Bildern schön
zum Ausdruck: man empfindet sie gewissermassen
als Ausgang und Zusammenschluss für den ganzen
französischen Teil der Sammlung. Wie bestimmend
Manets Einfluss als Richtungsfaktor der gleich-
zeitigen Entwicklung war, fühlt man sehr deut-
lich vor dem Gartenbild Renoirs aus dem Anfang
der siebziger Jahre. In der wundervollen Ver-
schmelzung von Kraft und Zartheit, in der orga-
nischen Geschlossenheit seiner farbigen Form gehört
dieses Bild zu den schönsten Arbeiten des Künstlers
überhaupt. In dem „Lektüre" betitelten Kinder-
bildnis aus den achtziger Jahren klingt weit stärker

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