Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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MODE

UND

.BEKLEIDUNGSKUNST"

VON

MAX von BOEHN

Die Bekleidungskunst ist die natürlichste, also
die älteste der Künste. Sicher hat der Urmensch,
noch ehe er daran dachte, seine Höhle oder sein
Gerät zu verzieren, seinen Körper geschmückt, sei
es, dass er ihn bemalte, tätowierte, mit Fellen be-
kleidete, mit Muscheln oder Tierzähnen behing. Die
Kunst begann mit der Verschönerung des mensch-
lichen Körpers. Als solche ist sie älter als ihre
Schwestern, Architektur, Malerei, Bildnerei, die man
vielleicht mit grösserem Recht ihre Töchter nennen
könnte. Trotzdem aber die Bekleidungskunst in die
Uranfänge des menschlichen Geschlechtes zurück-
reicht, trotzdem sie in der Wichtigkeit ihrer Funk-
tionen von keiner anderen auch nur erreicht wird,
kann man sich in Vergangenheit und Gegenwart
davon überzeugen, dass die Würdigung, die ihr im

Urteil der Menschen zuteil wird, in gar keinem
Verhältnis zu der Bedeutung steht, die ihr innewohnt.
Das mag davon herrühren, dass sie dem Menschen
viel zu nahe steht, um nicht beinahe dauernd über-
sehen zu werden; vielleicht aber hängt es auch
damit zusammen, dass ihr ein gewisses Etwas inne-
wohnt, ein Faktor von unbestimmbarer Grösse,
ein mathematisches X, auf das jeder stösst, der sich
mit dieser Frage beschäftigt. Dieses Rätsel ist die
Mode. Sie ist zweifellos so alt wie die Menschheit
selbst; sie war in dem Augenblick da, in dem Ver-
zierung oder Bekleidung des Körpers begannen; sie
war da, als der erste Mensch eine Veränderung von
Putz oder Kleidung vornahm, die seine Laune dik-
tierte, nicht die Notwendigkeit. Die Menschen
müssten nicht immer Menschen gewesen sein,

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