Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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Das Künstlerkleid
Eine fanatische Anhängerin der Reformtracht, die
über ihren mageren Körper bei festlichen Gelegenheiten
ein modernes Künstlerkleid zu ziehen pflegte, wurde
von ihrem Mann mit diesen Worten einem Bekannten
vorgestellt: „Und dieses ist meine Frau. Wo die Brosche
sitzt, ist vorne".

*

Kritik am Wege
Trübner arbeitete einst im Odenwald an einer
seiner bekannten Landschaften. Ein Vorübergehender
blieb stehen, sah ihm eine Weile zu und sagte dann er-
munternd: „Für einen Dilettanten ist das gar nicht so
schlecht. Ich male nämlich auch".

Einst kam ein amerikanischer Zeitungsmann auf
den Einfall auf diese Weise die Streitfrage zu lösen,
wer der grössere Künstler sei, Rafläel oderMichelangelo.
Er erliess ein Rundschreiben an viele berühmte Künstler,
sie möchten hierüber ihre Meinung sagen. Auch der
eben berühmt gewordene Eduard Manet erhielt das
Zirkular. Er warf es in den Papierkorb. Als alle anderen
Antworten vorlagen, erbat der Zeitungsmann nochmals
eine Antwort von Manet und zwar eine telegraphische
Mitteilung; er möchte die Frage beantworten: ist
Raffael grösser oder Michelangelo? ganz kurz, mit
einem Wort, wenn ihm eine längere Auseinandersetzung
unmöglich sei. Die Sache mit dem einen Wort leuch-
tete Manet ein. Er telegraphierte und der Yankee las
erstaunt das eine Wort „Ja".

Desgleichen
Als Hölzel und Diez auf dem Lande bei München
Landschaftsstudien machten, stellte sich eines Tages
ein von Diez angestifteter Bauer hinter den arbeitenden
Hölzel, sah aufmerksam dem Maler zu und sagte dann
ernsthaft: „Ja, ja, da fehlt's halt am Aktzeichnen!"

Raffael oderMichelangelo?
Amerikanische Zeitungen setzen ihren Lesern oft die
Meinungen berühmter Männer über bestimmte Pro-
bleme vor, indem sie Rundfragen veranstalten.

Das Original
Paul Meyerheim musste einen Sammler besuchen,
der sich einbildete, er besässe echte Bilder von Rubens,
Rembrandt, Tizian, Velasquez usw. Mir Stolz zeigte
der Sammler dem Künstler seine Crouten: „Das ist
ein Rembrandt". „Ach nein, wie interessant". —
„Hier ein Rubens". „Ach ja, ein Rubens". Bei jedem
Bilde äusserte Meyerheim in dieser Weise nur ein Wort.
Als er fortging, wollte der Sammler aber doch mehr
hören und fragte ungeduldig: „Nun, was sagen Sie zu
meiner Sammlung"? Worauf Meyerheim erwiderte:
„Wissen Sie, Herr J., das einzige Original in Ihrer
Sammlung sind Sie selbst".

FÜNFZEHNTER JAHRGANG. ELFTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM l6. JULI. AUSGABE AM I. AUGUST NEUNZEHNHUNDERTSIEBZEHN
REDAKTION: KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER IN BERLIN. GEDRUCKT IN DER OFFIZIN

VON W. DRUGULIN ZU LEIPZIG
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