Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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HANS BALDUNG GRIEN

VON

MAX J. FRIEDLÄNDER

Dürer hat vermutlich keinen von den Malern,
die sich ihm anschlössen, in demselben Grade
gebilligt und anerkannt wie den Hans Baidung, der
den Beinamen Grien führte, ja er mag in schweren
Stunden mit etwas wieNeidaufdieleichten Lösungen
geblickt haben, die dem Genossen glückten. Der
Bericht über eine Locke, die vom Haupte Dürers
stammt, nennt den Strassburger Maler als den ersten
Besitzer, der sie irgendwie empfangen und in Ehren
gehalten hat. Und ein sicheres Zeugnis für
kameradschaftliche Beziehungen zwischen Dürer
und Baidung liegt in dem Tagebuche der nieder-
ländischen Reise. Da ist einmal verzeichnet, dass
Dürer Holzschnitte Baidungs verkauft, und einmal,
dass er davon verschenkt habe.

Baidung kam nach glaubwürdiger Überlieferung
in Weyersheim zum hohen Turn — das ist Weyers-
heim am Thurm bei Strassburg — zur Welt.
Allerdings nennt er sich in der feierlichen In-
schrift des Freiburger Hochaltars „Gamundianus"

und scheint das Einhorn, das Stadtwappen von
Gmünd, als sein Wappenzeichen zu führen. Sein
Geschlecht stammte wohl aus der schwäbischen
Stadt Gmünd, die halbwegs zwischen Nürnberg
und Strassburg liegt. Er scheint in jungen Jahren
zu Nürnberg geweilt und von der Persönlichkeit
Dürers tiefe und für die Dauer wirkende Anregungen
empfangen zu haben. Namentlich im Faltenwurfe,
dem er wenig selbständige Beobachtung zuwandte,
blieb er dem Dürerschen Systeme sein Lebenlang
treu.

Im Jahre 1505 erschien zu Nürnberg ein reich
illustriertes Buch mit dem Titel „der beschlossen
gart des rosenkranz mariae", in dessen Holzschnitten
die neuere Kritik scharfsichtig und ohne Zweifel
richtig die Hand Baidungs erkannt hat. Erscheint
der Strassburger in diesem Buche neben Schäufelein,
den die Stilprüfung in ein ähnliches Verhältnis zu
Dürer stellt wie ihn, so liegt die Vermutung nahe,
dass Baidung wie Schäufelein Schüler Dürers im

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