Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

Page: 540
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1917/0568
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KÄTHE KOLLWITZ, SELBSTBILDNIS AM TISCH, ERSTE FASSUNG, 1893 1

KÄTHE KOLLWITZ

VON

JULIUS ELIAS

Meister Puvis, Sie sind ein wohlthuender Geist,"
sagte zu Puvis de Chavannes ein Schüler, der
das neue Werk des Lehrers sehen durfte. Dieser
schauende Poet und poetische Erschauer, der mit
moderner Seele das klassische Altertum suchte, ist
ungefähr in allem das gerade Gegenteil der Künstler-
erscheinung, von der hier gesprochen werden soll.
Aber sehr verwandt sind beide in jener schönen
Menschlichkeit, diedie bildende Kunst als Ausdrucks-
mittel gewählt hat für eine lebendige Wirkung auf

Menschengemüter. Und beide sind pathetische Na-
turen, die durch eine besondere literarische Bildung
befruchtet wurden, und beide sind Propheten einer
besseren Welt. So darf man auch wohl von Käthe
Kollwitz sagen: sie sei ein wohlthuender Geist. Sie
klagt an, um das Gute im Menschen frei zumachen;
sie schlägt Wunden, um zu heilen; sie zeigt das
soziale Elend, damit das Glück wieder auf Erden
wohnen könne; sie rollt Tragödien auf, weil sie
den Menschen Idyllen erwünscht; sie ballt Wölken

540
loading ...