Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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SBtaMI UKTIONSNACHRICHTEN

BERLIN

Versteigerung der Sammlung
Oskar Moll, am 20. März 1917,
im Auktionshaus der Sezession,
Kurfürstendam 208.

Der Wiener Maler und Kunstkenner Oskar Moll
will seine aus etwa vierzig Gemälden bestehende
Sammlung alter Meister zur Versteigerung bringen.
Er ist in Kunstkreisen als leidenschaftlicher Freund
altitalienischer Malerei bekannt, als ein Sammler von
feinem Geschmack und entschlossenem Vorgehen, und
wenn im allgemeinen bei Auktionskatalogen die Skepsis
gegenüber den Zuschreibungen an berühmte Namen gar-
nicht weit genug getrieben werden kann, bei der Samm-
lung Moll weiss man, dass ein vorsichtiger Kenner die
Bilder getauft hat und dass, wenn Moll sagt „Giorgione",
man sich mit der Frage Giorgione von neuem ausein-
anderzusetzen hat, dass diese Namensnennung kein
Versuchsballon ist, sondern das Resultat langer und all-
seitig prüfender Kritik.

Der Giorgione, ein Brustbild eines Geharnischten
im Mantel, zeigt die Kunst des rätselhaften Meisters
von der Seite, an die man denkt, wenn man an Gior-
gione denkt, träumerisch und süss im Gefühl und
Ausdruck, zart und fest in der zeichnerischen und
malerischen Form. Vielleicht ein Zuwachs zu dem
kleinen und immer umstrittenen Oeuvre des Künstlers.

Die Venezianer stehen an erster Stelle in der Samm-
lung Moll. Ein unzweifelhaft echtes Madonnenbild
von Giovanni Bellini, vielleicht der Zeit des Frari-Altars,
sicher aber wohl dem Jahrzehnt zwischen 1480 und
1490 angehörend, dürfte eines der umworbensten Bilder
der Auktion werden, besonders auch, da es durch eine
sehr gute, von Retouchen freie Erhaltung ausgezeichnet
ist. Daneben steht, kaum geringer, eine schöne, reiche
Madonna von Bartolommeo Montagna, und dann kommt,
schon aus dem sechzehnten Jahrhundert eine „Be-
schneidung Christi von Buonconsiglio". So steigert sich
die Sammlung bis zu Tintoretto. Drei Werke gehen
unter seinem Namen, eine figurenreiche Kreuztragung,
ein repräsentatives Männerbildnis und ein „Christus und
die Samariterin am Brunnen". Für dieses letzte Werk
schlug der Besitzer den Namen Veroneses vor, doch steht
das Werk dem Tintoretto so nahe, dass man es ihm
ohne Leichtfertigkeit wohl zuweisen darf. Tiepolo,
Piazetta Longhi und Zuccarelli vertreten die venezia-
nische Nachblüte."— Ein früher Correggio, eine Pietä
führt nach Oberitalien. Die Mailänder Schule ist in;
einem Brustbild Boltraffios, vornehmlich aber in einem
seltsam reizvollen Madonnenbilde des „Meisters der
Palla Sforzeska", um etwa 1490, vertreten, das aber
nichts mit Ambrogio de Predis zu thun hat.

Ob das Männerbildnis, das wir ausser dem Tintoretto
und dem Bellini abbilden, vielleicht mit Moroni in Be-
ziehung steht? Ob mit Süditalien oder gar mit Frank-
reich? Einstweilen wissen wir es nicht, wir wissen nur,
dass es sich um ein schönes Werk eines bedeutenden
Künstlers handelt, und das ist ja für den wahren Kunst-
freund und Sammler auch genug.

Die Primitiven des vierzehnten und noch des fünf-
zehnten Jahrhunderts lernt man in einigen sehr deko-
rativen Werken kennen: eine sienesich anmutende
Madonna, die unter dem Namen des Umbrers Alegretto
Nuzi, des Lehrers von Gentile du Fabriano, geht; eine
Madonna des Rossello dijacopo Franchi; eine ähnliche,
namenlose Madonna; ein Papstbild, das ganz von ferne
noch an Giottos Ideal gemahnt; eine Predella von
Taddeo Gaddi, dem Giottoschüler; und endlich, aus
dem fünfzehnten Jahrhundert, ein etwas provinziell
aussehendes, derbes, aber dekorativ sehr geschicktes
Madonnenbild von dem Florentiner Neri de Bicci.

Das sind zum Teil sehr grosse Namen. Aber sie
sind gut belegt, und da eine solche Sammlung italie-
nischer Bilder in Deutschland seit langer Zeit nicht zu
sehen war, giebt es viel zu lernen, und manche Über-
raschung und Aufklärung steht auch für den Kunst-
markt bevor.

Am 21. März wird noch eine andre Sammlung alter
Bilder an der gleichen Stelle versteigert, die Sammlung
Julius Unger aus Cannstatt. Wir bilden einen ungewöhn-
lichen van Dyck ab, „Hero und Leander", der von
1730—1830 in Kassel in der Galerie war, von wo er in
die Filialgalerie in Hanau und von da in den jetzigen
Privatbesitz kam.

Künstlerisch am wertvollsten ist der grosse Rubens,
„Opferung Isaaks", ein oft abgebildetes Werk, gleich
nach der italienischen Reise, also wohl 161 o entstanden.

Versteigerung moderner Gemälde aus demNachlass
A. W von Heymel und aus der Sammlung Pickenpack.
Am 8. März. Gebäude der Sezession, bei Paul Cassirer &
H. Helbing.

In dieser Versteigerung kommen unter vielem
andren einige interessante moderne Bilder unter den
Hammer; wir erwähnen besonders Thoma, Trübner,
Liebermann, Slevogr, Corinth, Keller, vor allem aber
Hans von Marees, van Gogh, Renoir, Gauguin, Henri
Edmond Cross. E. W.

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