Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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ringt sich nirgends eine einheitliche Wirkung los. Für
die packende Gestaltung solcher Aufgaben scheint es
dem Künstler an Temperament zu fehlen.

Von Erich Büttner ist der „Schnee" eine tüchtige
Leistung; bei seinem „Deukalion und Pyrrha" kommt
man über das unangenehme Schokoladenbraun der Körper
nicht hinweg. Es ist überhaupt erschreckend, wie unter
dem Einfluss der stilisierenden Richtung der Sinn für
Farbe verwahrlost; namentlich bei uns in Deutschland,
wo er an sich gering, sich durch die impressionistische
Disziplin etwas zu heben begonnen hatte. In Ansehung
der Farbe ist diese Ausstellung trostlos. Wie konnte
es zum Beispiel ein Künstler wie Jaeckel über sich ge-
winnen, vier zur Verschönerung eines Raumes bestimmte
Bilder in solchen schwarzbraunen Farben und noch dazu
alle vier in genau denselben Farben zu malen? München
hat hier einen Vorteil über Berlin, der sich bald sehr
bemerkbar machen wird.

Intim in der Auffassung ist das kleine Frauenbildnis
von Heinrich Reifferscheid; wenn nur bei der Sorgfalt,
mit der jede Einzelheit, wie das Muster der Bluse, ge-
geben ist, alles noch etwas liebevoller ausgeführt wäre.

Die unbegreiflich zahlreichen Kriegsbilder von

Heckendorf geben merkwürdige Szenerien, aber kein
Erlebnis, wenigstens kein malerisches.

Auch von der Plastik lässt sich nicht viel Lobendes
sagen. Das Heinedenkmal für Hamburg von Lederer
würde mit seiner verunglückten Beinstellung dem Dich-
ter sicherlich Stoff für vorzügliche Witze geboten haben.
Das sich spreizende Pathos des Metznerschen „Rüdiger''
ist einfach unerträglich. Eine angenehme Arbeit ist da-
gegen der „schreitende Jüngling" von Fritz Huf. Der
leicht schwebende Gang drückt sich gut in der Sil-
houete des Körpers und der Bewegung der Beine aus.
Nur stört das Ungleichwertige der Ausführung. Denn
während die unteren Partien sorgfältig, vielleicht
sogar etwas zu gefällig durchgebildet sind, zeigen
Kopf und Torso unklare, verschwommene Formen.
Für die volle Verwirklichung seiner Absicht reichte
die Kraft des Künstlers wohl noch nicht aus. Wenn
man also auch hier noch von keinem reifen Kunst-
werk sprechen kann, so berühren doch die Schlicht-
heit der Gesinnung und der Blick für richtige Verhält-
nisse wohlthuend. Unter den Porträtbüsten zeichnet
sich das witzige Bildnis des Schriftstellers Georg Herr-
mann von Leschnitzer aus.

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LESSER URY

VON

JULIUS ELIAS

Lesser Ury hat mit seinen Bildern nicht allzu oft
das Interesse der Öffentlichkeit aufgesucht. 1893
veranstaltete Fritz Gurlitt, der in der zweiten Hälfte der
achtziger Jahre schon vereinzelte Bilder von ihm gezeigt
hatte, eine umfassende Ausstellung vom Werk des Zwei-
unddreissigjährigen; 1894 und 1896 brachte er kleinere
Sammlungen von Urys neueren Arbeiten. 1899 und
190J übernahmen Keller und Reiner dieselbe Aufgabe;
1910 zog Kallmorgen den fast Fünfzigjährigen aus dem
Schatten, indem er ihm ein Kabinett des Glaspalastes zur
Verfügung stellte. Wer sonst Malereien Urys sehen
wollte, musste das Atelierstockwerk des Hauses Nollen-
dorfplatz 1 erklimmen, wo man vom gediegensten
Boheme Berlins mit unwirscher Freundlichkeit und
freundlichem Missmut empfangen wurde. Ich gelte als
Urys Entdecker, weil ich (in Barths „Nation") zuerst
über ihn schrieb; aber ich bin sicherlich auch immer
sein scharfer Kritiker gewesen (siehe u. a. „Kunst und
Künstler" VIII, S. 566).

Ury gehört durchaus nicht zu den Künstlern, die man
sozusagen mit Haut und Haaren fressen kann, wie es

die nicht kleine Partei seiner unbedingten Anhänger
empfiehlt. Ohne wesentliche Bedenken aber bin ich
noch heute für das Werk, das er bis zu seinem fünfund-
dreissigsten Lebensjahre geschaffen hat, und das jetzt
Paul Cassirer, klug ordnend, wieder in das Licht unserer
Tage rückte. Diese achtzig Malereien umreissen ein
beträchtliches Stück moderner Kunstgeschichte; sie blei-
ben mit Berlin verknüpft wie nur irgend das Werk
eines Preussenmalers. Für diesen Ury habe ich mich
damals herumgeschlagen; der ewig alte Pietsch nannte
mich deshalb einen Paralytiker — er selbst schrieb,
als er mich in der „Vossischen" so nannte, gerade die
Geschichte der Schultheissbrauerei.

Etwas Tragisches ist an diesem Ury; in seiner Brust
waren seines Schicksals Sterne. Er wusste sich nicht zu
bescheiden, und so zerrann ihm stationenweis sein
Schaffen, fehlten ihm zeitweilig Entwicklung und Er-
neuerung. Um 1895 gehörte er demSezessionismus inner-
lichst zu, — aber er konnte nicht hingelangen, das Wasser
(persönlicher Konflikte, in denen Ury schwer unrecht
hatte) war viel zu tief. Und er warf sich auf sich selbst

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