Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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melodisches Spiel der Körperformen ist auch in dem
grossen Relief Albikers „Die drei Grazien". Aus
dem aufgeregt modellierenden Rodinverehrer ist
im Laufe der Jahre ein feiner Klassizist geworden.
Stärker und energischer ist das Formgefühl in
Fritz Hufs Männerbüste. Es spricht sich darin ein
so natürliches Talent für Plastik aus, dass von
diesem Künstler noch viele schöne Arbeiten zu
erwarten sind. August Gaul giebt sein Bestes in
Kleinplastik. Sein „Hamster" ist ein Meisterwerk,
hervorragend sowohl durch die Modellierung des
Körpers, durch die Behandlung der Oberfläche

und durch einen leisen Humor der Auffassung, der
der Sachlichkeit nirgends schadet. Von Barlach
endlich sind zwei schöne Holzskulpturen da, der
„Verzweifelte" und ein „frierendes Mädchen". In
beiden Fällen ist der Kontrast grossflächig und steil
herabfallender, mit sicherem Gefühl geordneter
Gewänder zu dem reichen Licht- und Schattenspiel,
zu der innigen Beseeltheit energisch geschnitzter
Köpfe von tiefer Wirkung. In der Holzbüste
Däublers dagegen erscheint die technische Verein-
fachung etwas zu sehr ihrer selbst wegen da zu
sein.

KUNSTAUSSTELLUNGEN

MÜNCHEN

Die diesjährige Sommeraussrellung
der Neuen Münchener Sezession ist
wohl die schwächste aller bisherigen
Veranstaltungen dieser Künstlervereinigung. Nicht nur
dass aus verschiedenen Gründen das Gesamtbild nicht
so reich und anregend ist wie in früheren Jahren: es
fehlt zu sehr sowohl an ganz ausgereiften Kunstwerken,
wie an solchen, die uns vor neue künstlerische Probleme
stellen. Es kommt dazu, dass man bei immer grösserem
Vertrautwerden mit dieser jungen Kunst in mehr als
einem Fall ernüchtert wird und das, was Pose und Kitsch
ist, sich immer deutlicher zu erkennen gibr. Aber nicht
nur in diesem Sinne ist die Ausstellung doch lehrreich,
sondern weil man noch besser als in früheren Aus-
stellungen ein gutes Gesamtbild vom Schaffen der Mün-
chener Mitglieder gewinnt, da diesmal die auswärtigen,
vor allem wegen Transportschwierigkeiten, nur in ge-
ringer Zahl vertreten sind. Fiel schon voriges Jahr die
Neigung zum Abkehr von dem scharfen Kolorismus auf,
so ist heuer eine noch viel stärkere Neigung zu einer
neuenTonigkeit zu verspüren, und man erkennt in dieser
jungen Kunst deutlicher als je altmünchener Tradition
in gutem wie in schlechtem Sinn. Es ist gewiss aller
Ehren wert und zeugt von gesundem Verstand, dass
man sich nicht ganz vom Alten lossagt und vor allem
sich nicht schämt, gut zu malen. Aber es sind eine ganze

Reihe von Künstlern auf dem besten Weg, zu jener
Münchener Geschmackskunst zurückzukehren, ex-
pressionistische Varianten jenet Münchener Kunst zu
schaffen, die nicht zur tiefsten und edelsten deutschen
Kunst gehört. Eine leise Verflachung macht sich mehr-
fach bei Künstlern geltend, von denen man sich eine
ganz andere Förderung unserer Kunst erwartet hat.
Es ist sicher nicht nötig, dass nur solche Bilder gemalt
werden, die eines Kommentars bedürfen, um auch von
weiteren Kreisen verstanden zu werden, es ist auch
keineswegs als ein Ideal zu betrachten, dass ein Bild so
voller Philosophie und Gescheitheit ist, dass man vor
lauter gemalter Weltanschauung das Kunstwerk nicht
mehr sieht, und zwischen Kunstwerk und begeistertem
Kommentar eine gewaltige Lücke klafft; ebensowenig
ist es aber zu begrüssen, wenn die Kunst in eine zu ge-
schmäcklerische Richtung gerät, und die Probleme
allzu sorglos und oberflächlich angepackt werden.

Den bald nach Kriegsausbruch gefallenen August
Macke ehrt die Neue Sezession durch die Ausstellung
einiger Arbeiten, deren koloristische Fanfaren grell aus
den gedämpften neueren Tönen hervorbrechen. Eine
begabte, zu früh uns entrissene Persönlichkeit; die aus-
gestellten Bilder zeigen aber nur Ansätze zu dem was
der Künstler wollte. Ob er es je gekonnt hätte, bleibt
die Frage. Am meisten erlebt und wirklich bildhaft
gestaltet scheint mir der „Sonnige Weg". — So relativ

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