Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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Monotonie: Ury war reinster Kolorist. Dann waren
die sozialen Tendenzmaler da, jene „Armeleutmaler",
die auch die Bauernschilderung mit ihren Neben-
wallungen nicht verschonten: Ury sieht die Arbeit, die
fröhlich wird im Sonnenglanz und im erfrischenden
Atem der Natur. Seine Anschauung ist ehrlich, ohne
Optimismus: denn er liebte das Land.

Aber er liebte auch die Stadt, und hier fand er etwas,
das er damals allein besass. Alle die anderen Künstler,
die das moderne Welt-und Menschenleben durchdrangen,
mochten sie nun Skarbina oder Schlittgen oder Friedrich
Stahl (ach! er macht jetzt in Giotto) heissen, sie hatten
an ihren Schilderungen wesentlich ein geistiges Interesse,
das Interesse, das der Feuilletonist an diesen Gegen-
ständen nimmt. Ury aber lebte gar nicht auf der Hoch-
flut der Gesellschaft, er betrachtete die Welt des
Sichtbaren als etwas malerisch Ganzes. Die grosse Stadt,
besonders die Dämmerstadt, bietet den malerischen In-
stinkten nicht weniger und nicht geringere Entdecker-
freuden als die sogenannte primitive Ländlichkeit. Seine
ersten Strassenbilder und KafFeehausmotive malte er in
Paris um die Mitte der achtziger Jahre, also ungefähr
um dieselbe Zeit, als Skarbina in Paris war, — sie haben
nichts von ihrer Eigenart, Intimität und Pikanterie ver-
loren. Bald darauffand Ury das nächtliche Berlin, das

er schilderte wie eine Landschaft bei künstlichem Licht.
Dieser Rhythmus des pointiertenHelldunkelsinderfreien
Atmosphäre gehörte ihm allein. So oder ähnlich schrieb
ich i 892. Rein stofflich ist ihm nur einer -MaxKlinger—
vorangegangen. 1896 sagte Franz Hermann Meissner
in seinem grossen Klingerwerke: „Als noch kein ernst-
licher Gedanke an eine spezifisch Berliner Kunst war, in
dem Sinne wie es seit langem eine Pariser giebt, öffnete
er [Klinger] schlagende Tief blicke in das noch schlum-
mernde Genie derGrossstadt,besondersin den „Dramen",
denen erst Ende der achtziger Jahre das originelle und
tiefe Temperament des hochbegabten Lesser Ury mit
ganz andersartigen und doch an Kraft verwandten Aus-
deutungen folgte."

Der Graphiker konnte bewusster Sittenmaler sein;
der nur-Maler Ury nicht. Urys Wesen, wie es damals
war, lagen kleinmalerische Stofflichkeit, bourgeoise Be-
gebenheitssuche und Illustrationsdrang, lag literarische
Anpassungsfähigkeit fern. Aber weil seine Malereien
der werdenden Weltstadt von aussen und von innen
ein so persönlicher Abglanz des farbigen Lebens und
der menschlichen Bewegung sind, so sind sie zugleich
latente Kulturzeugnisse und etwas wie Sittenbilderschrift.

In dieser Doppelbedeutung lag die Mission von Lesser
Urys junger Berliner Kunst.

FRITZ BOEHLE f

Noch nicht 44 Jahre alt ist Fritz Boehle am 20. Ok-
tober 1916 in Frankfurt a. M. gestorben. Mit ihm
verlieren wir einen Künstler, der durch seine bisher der
Mitwelt bekannten Werke einen grossen Ruf genoss,
von dem wir aber noch Grösseres in der Zukunft er-
warteten. Die Absonderlichkeiten, die er an den Tag
legte, die Abgeschiedenheit, in der er lebte und das
Einspinnen in die Zeit unserer Vorväter, haben eine
ganze Legendenbildung hervorgerufen und in Frank-
furt war er so etwas wie ein Nationalheiliger geworden.
Diese ihm zur Heimat gewordene Stadt hatte ihm noch
grosse Aufgaben gestellt, die Römerhallen sollte er mit
Fresken schmücken und ein ehernes Standbild Kaiser
Karls nach seinem Entwurf sollte die neue Kaiserbrücke
zieren. Um all dies hat uns der unerbittliche Tod ge-
bracht. Hoffentlich fallen diese grosse Aufgaben nicht
einem geschmeidigen Kompromissler in den Schooss.

Nur wenige wussten, wie schwer leidend der Künst-
ler seit einigen Jahren war, Krankheiten, die unbedingte
Ruhe erfordern, vermochten nicht seinen Schaffensdrang
zu zügeln, daher kam sein frühes Ende auch den Wissen-
den unerwartet. Das Gebäude auf dem Sachsenhauser
Berg, einem sauber gehaltenen Gutshof gleichend, steht
nun verwaist, nur angefüllt mit Werken seiner Hand,
die er ängstlich hütete und die alle bisher kaum jemand
gesehen. Es wird sich nun zeigen, ob der Künstler die
in ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen imstande war,

oder ob er schon früher die Scheitelhöhe seines Könnens
erreicht hatte.

In diesen Blättern wurde Oktober 1905: „Boehle als
Graphiker" von Emil Heilbut gewürdigt; zu dieser Zeit
konnte nur in ganz dunklen Worten von dem Maler und
Bildhauer Boehle gesprochen werden, da nur einige
Werke in Frankfurter Privatbesitz ein Dornröschen-
Dasein führten. Da gelang es Direktor Swarzenski den
Künstler Ende 1907 für eine Ausstellung in den Räumen
des Städelschen Kunstinstituts zu gewinnen, die fünf-
undzwanzig Gemälde und die graphischen Werke ver-
einigte. Noch vor der Eröffnung der Ausstellung war
der Ankauf sämtlicher ausgestellter, sich noch im Besitz
des Künstlers befindlichen Gemälde für die kurz vorher
gegründete Städtische Galerie beschlossen worden, in
dieser Zeit und nachher wurde das graphische Werk in
möglichster Vollständigkeit zusammengetragen. Die
Ausstellung hat auch über Frankfurts Mauern hinaus
die grösste Beachtung gefunden und Boehle wurde eine
der grossen Hoffnungen deutscher Kunst. Noch war
er von Vorbildern abhängig, altdeutsche und altitalie-
nische Meister hat er aufgesogen und verarbeitet, von
neueren wirkte besonders Marees auf ihn ein, dessen
Werke undBestrebungenihm durchPidollund Hildebrand
nahegebracht wurden; als rastlos Strebender war er be-
rufen, uns noch sein Ureigenstes zu schenken.

Immer wieder ist es der Landmann, der Fischer, der

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