Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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MODERNE MEISTERKOPIEN

VON

AUGUST L. MAYER



Es ist nicht zu leugnen, dass die Malerei des
neunzehnten Jahrhunderts sehr stark durch das
Galeriestudium der einzelnen Künstler in ihren ver-
schiedenen Richtungen beeinflusst, ja zuweilen be-
stimmt worden ist. Gewiss hatte man auch in
früheren Jahrhunderten es nicht versäumt, sich die
Werke älterer Meister anzusehen und vieles daraus
zu lernen; gewiss hat ja die Beschäftigung mit
Michelangelo im sechzehnten Jahrhundert das Talent
vieler nordischer Künstler aus dem Gleichgewicht
gebracht und die Versenkung in Tizian Meistern
wie Rubens, Poussin und Velazquez grossen Se-
gen gespendet. Nie jedoch kann man von einer
solchen Folge kunsthistorischer Orientierungen
sprechen, wie im neunzehnten Jahrhundert. Es
kommt dies zweifellos daher, dass im vergangenen
Jahrhundert nicht nur die Reisemöglichkeiten besser
und grösser und von den Künstlern mehr ausge-
nutzt wurden, sondern dass die grossen Gemälde-

galerien, wie auch die Zugänglichmachung kleinerer
Sammlungen in der Hauptsache ein Werk des
neunzehnten Jahrhunderts sind. Die Grossen wie
die Kleinen fanden nun eine überreiche Fülle von
Anregungen vor sich ausgebreitet. Viele gingen
ganz im Geist jener alten Meister auf, ohne weitere
Selbstständigkeit zu gewinnen, viele verkümmerten
gänzlich bei der Kopierarbeit für den kunstliebenden
Bürger. War es früher den studierenden Künstlern
vor allem darum zu tun, ein Erinnerungsbild an
dieses oder jenes ältere Meisterwerk zu besitzen, so
scheiden sich in neuerer zeit zwei Gruppen scharf
von einander. Die imitierenden Kopisten, die das
betreffende Original gewissermassen fälschend zu
wiederholen suchen, und jene, denen für ihre eignen
Studienzwecken eine wenn auch noch so gute
technische Reproduktion nicht genügt, die bei ihrer
Kopierarbeit nicht nur sich eine Erinnerung an
den farbigen Aufbau, an die koloristische Kom-

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