Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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GUSTAV DORE, ILLUSTRATION AUS DER „HISTOIRE DE CAPITAINE CASTAGNETTE".

DREI ILLUSTRIERTE KUNSTMÄRCHEN

DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS

VON

KARL VOLL

Der aus dem Orient stammende unerschöpfliche
Reichtumder mittelalterlichen Erzählungs-und
Märchenliteratur hielt lebendig vor bis zum Rokoko.
Ebenso wie in Goethes Märchen von der Schlange
der Körper dieser geheimnisvollen und bedeutungs-
reichen Figur in einzelne Stücke zerbrach, als sie
sich zum letztenmal als Brücke über den Strom ge-
spannt hatte, so zerbrach im achtzehnten Jahrhun-
dert dieser unermessliche Stoff zu kleinen Ge-
schichten. Voltaires Schriften bieten viele Belege da-
für. Immerhin hatte das achtzehnte Jahrhundert noch

eine grosse Vorliebe für das Märchen. Die Zeit
aber war künstlerisch so stark, dass sie kein Roh-
material als solches verarbeitete, darum modelte sie
die alte Märchenmotive leider nur zu gründlich
nach ihren eigenen Ideen um. Da ferner ausge-
rechnet das Zeitalter der Galanterie keine Worte
so häufig im Munde führte, wie der Tugend und
der Moral, so dass sogar Crebillons berüchtigtes
Sopha unter der Rubrik conte moral figuriert, so
wurden aus diesen Gründen die lieben alten Volks-
geschichten mehr oder weniger platte Moralpauken

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