Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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MORITZ MELZER, SEGELBOOTE

MORITZ MELZER

VON

IGNAZ BETH

Solange es eine Kunst geben wird, die den Ver-
schiedenheiten der Schöpfung, ihren Veräste-
lungen und Brechungen nachspürend folgt, die
differenziert und spezialisiert, so lange wird auch die
andere Richtung, die zusammfasst und abstrahiert,
die den zerflatternden Erscheinungen einen gemein-
samen Nenner sucht und sie auf einige knappe,
nahezu mathematisch einprägsame Formeln bringt,
Geltung behalten.

Melzers Kunst schöpft ihre Berechtigung aus
dem angeborenen Weltgefühl, das der vielgestaltigen
Buntheit des Sichtbaren nur bedingt ein Recht zu-
erkennt, und den empfindenden Menschen in den
Mittelpunkt der Schöpfung stellt, von dem aus die
organische und die unorganische Natur, Wolken,
Baumkronen, Erdwellen, Menschen, Tiere, Häuser
einem eigentümlichen Rhythmus verfallen, gleich-
sam mitzuschwingen scheinen. Der Ausgangspunkt
dieser Kunst ist jene Verzückung, welche freilich

im Mittelalter Voraussetzung des Kunstschaffens
war, durch den Rationalismus der Renaissance
aber verdrängt wurde und nach mancherlei Fehl-
und Rückschlägen erst in unserer Zeit wieder zum
Durchbruch gelangt. Es wäre falsch, anzunehmen
(wie es noch Semper that), dass die Technik der
Glasmalerei die mittelalterlichen Künstler zu jenen
Stilisierungen zwang, die uns heute so gewaltsam
erscheinen: viel eher könnte man den Satz umkehren,
und behaupten, dass die alten Glasmaler eine ihrer
Kunstanschauung adäquate Technik erfunden und
angewendet haben. Die einfachsten Linien, die
transparenten Farben, die scharfe Kontur entspran-
gen eben dem Bedürfnis nach einer Stilisierung
des Darstellbaren. In diesem Sinne hat sich Melzer
eine besondere Technik zurechtgelegt, die man
nur andeutend zur Graphik rechnen kann, da die
Farbenzusammenstellung nur einmalig in jedem Bild
vorkommt, jedesmal wechselt und nur der feste

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