Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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LEOPOLD VON KALCKREUTH, „HUSARENGLAUBE'*

AUS „ALTE UND NEUE LIEDER"

NEUE BÜCHER

BESPROCHEN VON KARL SCHEFFLER

Expressionismus von Hermann Bahr, Delphin-
Verlag, München 1916.

Das Ende des Impressionismus von Max
Picard, München, Piper & Co., 1916.

Hermann Bahr hat es nicht lassen können, ein
Buch über den Expressionismus zu schreiben und, mit
prophetischer Gebärde, dem Impressionismus ein Grab-
lied zu singen. Sein Buch ist, wie alles von ihm, geist-
reich geschrieben: es ist voller Detailschönheiten und
litterarisch bis ins letzte Wort. Es wird darin einmal
mehr bewiesen, dass wenige sich mit so viel Esprit zu
irren verstehen wie Bahr. Ein kluges Buch; doch wäre
es besser nicht geschrieben worden. Denn es schadet
der Kunst, weil die Betrachtungsweise im Kern falsch
ist. Es ist voller Selbsttäuschungen. ' Wenn Bahr be-
kennt, der Impressionismus sei recht eigentlich die seiner
Natur gemässe Kunstform, und wenn er trotzdem als
Apostat zum Expressionismus übergeht, so muss man
ihn gegen sich selbst in Schutz nehmen: er ist nie Im-
pressionist, ihm ist der Impressionismus nie eine Welt-
anschauung gewesen. Er ist dem Impressionismus nicht
näher als Klimt, Koloman Moser oder andere kunst-
gewerblich heitere Talente Wiens es sind. Hätte er sein
Welterlebnis in den Bildern der grossen Impressio-
nisten wiedergefunden, so käme sein Buch ja einem
Selbstmord gleich; er würde dann thun, was der von
ihm unerträglich oft zitierte Goethe zu thun riet, er
würde „mit Bewusstsein auf einer bestimmten Stute

stehen bleiben". Bahr gehört aber zu jenen, die unter
allen Umständen jung bleiben wollen; er versteht es
nicht, charaktervoll zu altern. Sonst würde er, in seinem
dreiundfünfzigsten Jahr, in der Kunst von Persönlich-
keiten und von Werken, nicht aber von Prinzipien, von
Ismen sprechen. Bahr geht sogar so weit — indem er
ein Wort des der bildenden Kunst recht fremd gegen-
überstehenden Nietzsche als Schild vor sich hält —, zu
sagen, auf den einzelnen Künstler käme es gar nicht an,
noch weniger auf ein einzelnes Kunstwerk. Das ist
falsch: gerade auf das einzelne Kunstwerk kommt es
an, auf das Können, auf die Gestaltungskraft; das grosse
Wollen, das sich nur ganz ungefähr ausdrücken kann,
ist Sache von Unmündigen, nicht von Männern. Wer
über Kunst spricht, kann gar nicht bestimmt genug sein.
Auch dafür giebt es herzhafte Zitate bei Goethe. Siehe
die „Propyläen". Bezeichnend für Bahr ist es, dass sich
unter den bei der Arbeit benutzten, im Litteraturver-
zeichnis genannten Büchern nicht ein einziges Künstler-
buch befindet. Kein Wort aus dem Atelier wird laut.
Nur so konnte Bahr dazu kommen, das Modewort sich
zu eigen zu machen, der Impressionismus (das heisst
also das, was Manet, Renoir, Cezanne und andere ge-
macht haben) hätte nur das Äussere gemalt. „Was ist
Beschauen ohne Denken?" fragt Bahr mit Goethe. Und
er antwortet: „Impressionismus". Und er sagt weiter:
„Impressionismus, das ist der Abfall des Menschen vom
Geiste, Impressionist ist der zum Grammophon der

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