Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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UNSTAUSSTELLUNGEN

BERLIN

Albert Keller hat bei Paul Cassirer
an einer Wand achtzehn Arbeiten
seiner Frühzeit zusammengehängt.
Das älteste Werkchen ist von 1868, die meisten sind in
den siebziger Jahren entstanden, der Glanzzeit des
„Münchener Bildes". Viele dieser Stücke sind unbe-
kannt: sie hingen in Kellers und seiner Freunde Woh-
nungen herum, so gut wie unbeachtet. Ich kenne wenige
Künstler, denen das Schicksal ihrer Werke so gleichgültig
war wie Keller. Er hat, zumal in seiner ersten Periode,
mit vollen Händen weggeschenkt, mit dem Verdienen
nie auf gutem Fuss gestanden und die Bilder, zumal
die Studien, am liebsten behalten. Die bestellten Por-
träts gab er oft Jahr und Tag nicht frei. Dieses Zurück-
halten war ihm so zur Gewohnheit geworden, dass er
sich neben seiner eigentlichen Werkstatt in der Kaul-
bachstrasse noch ein zweites grosses Atelier in der
Theresienstrasse für seine fertigen oder erledigten
Werke gönnte, eine ArtNiederlage oderSpezialmuseum.
Er selbst war hier fast nie zu finden; wohl aber war er
geneigt, seine alten Freunde hinzuführen, wenn sie
einmal wieder durch sein Lebenswerk zu spazieren
wünschten, das so ganz ein Münchener Werk aus den
heroischen Zeiten dieser gesegneten Stadt war.

In diesem künstlerischen Grandseigneur leben ver-
schiedene Seelen: ein Spötter und ein Schwärmer, eine
scharfe Zunge und ein schamhaftes Gemüt, ein Menschen-
freund und ein Menschenverachter, ein Realist und ein
Romantiker, ein heller Liebhaber des Lebens und ein
okkultistischer Grübler, ein Elegant und der demütigste
Anbeter der Natur und Kunst, ein sensibler Geschmack-
sucher und ein warmer Empfinder von Einfachheiten,
ein Europäer und ein Bajuware, ein Geniesser und ein
Arbeiter. Dies alles verbindet sich in ihm zu der an-
mutigsten Persönlichkeit. Was für ein Arbeiter! Zumal
jetzt, da es ganz still um den Einundsiebzigjährigen ge-
worden ist. In fanatischer Thätigkeit sucht er eine neue
Jugend, etwas Starkes und Schlichtes; sein energisch
ausgebildetes Form- und Farbengefühl sind unvermin-
dert, ja haben sich gereinigt nach einer gewissen Epoche,
wo seine Farbe sich einigermassen zum Farbenrausch
verflüchtigt hatte, die feine Sachlichkeit manchmal zu
oberflächlicher Bravour herabgedrückt worden und der
Geschmack mit Manier behaftet war. Vom schönen
Zufall lässt er sich wieder in reifen Alters werken treiben.
„Warum kann ich noch so leidlich schaffen und arbeiten
und vielleicht mich erneuern ?" sagte er jüngst in München
zu mir —" doch nur weil ich keine Villa habe?" „Weil
Sie keine Villa haben —?" „Nun ja, alle Künstler, die
Villen haben, sind heruntergekommen, abgesehen von

Liebermann, der stark und bedeutend geblieben ist,
trotzdem er eine Villa hat." Ich machte meinen Keller
darauf aufmerksam, dass Liebermann sich erst in sehr
späten Lebensjahren in der Ländlichkeit des Wannsees
ein Haus angeschafft habe, und dass dieses Haus eben
nur ein Sommerhaus und kein musealer Palastbau sei.
„Da sehen Sie," schloss Keller, „es giebt sogar Regeln
ohne Ausnahme." Mit diesen Villen-Künstlern meinte
Keller die Arrivierten, die auf ihrem Ruhme ausruhen,
nichts mehr versuchen und immer das Gleiche in der
gleichen Art malen, weil das zahlungsfähige Publikum
es so von ihnen verlangt: denn eine Villa thut's nicht
allein, man muss sie auch erhalten können.

Im übrigen hat diesen Keller sein Schicksal gut ge-
führt: er hat sich ausleben und künstlerisch auswirken
dürfen. Er, der im letzten Viertel der sechziger Jahre,
das für die Münchener Malerei entscheidend war, so
fertig begann, hat sich die Aufrechterhaltung und
dauernde Auffrischung solcher Reife und Fertigkeit was
kosten lassen. Der Maler dieser ehrlichen, reizenden,
feinen, geschmackvollen, delikaten Porträts, Akte, In-
terieurs und Landschaften gehörte damals zur Avant-
garde des deutschen Frührealismus, der durch Courbet
und Fontainebleau heraufkam (um nur die Hauptför-
derer zu nennen); ein kleines Selbstporträt von 1870
zeigt Keller fast ebenbürtig dem Leibl; Menzel hat nicht
vielBesseres gemalt als diese venedigerDächer von 1 868.
Männliche, gesunde, sinnlich schöne Malereien. Aber
auch schon der Frauenmaler setzt ein, der selbst in
München eine Tradition begründen sollte, zunächst
mit Akzenten eines kräftigeren und einfacheren Ge-
schmackes, der später auf gewissen Strecken sich ver-
weichlichte, unter einem Vorstellungszwang von beaute
wobei die Erfindung die reine Beobachtung überwog.
Bis in dieser Frauenschilderung ein erhöhter mensch-
licher Ausdruck, durch Malerei stärkend, sich wieder
einstellte. Julius Elias.

Zugleich waren Bilder von Jan Oeltjen, Wolf Röh-
richt und Rudolf Grossmann bei Paul Cassirer ausgestellt.
Die Arbeiten von Oeltjen hinterlassen kleinen bestimm-
ten Eindruck, so bestimmt sie technisch auch ausgeführt
sind; die neuen Bilder Röhrichts zeigen einen talent-
vollen Künstler auf einem guten Wege. Es will scheinen
als könnte Röhricht einst das Erbe des armen Waldemar
Rösler übernehmen. Über die Bilder Rudolf Gross-
manns soll im nächsten Heft ausführlicher gesprochen
werden. K. Seh.
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