Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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KARL WALSER, ZEICHNUNG

MALER, POET UND DAME

VON

ROBERT WALSER

In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde
sass an einem Möbel, das den schünen Namen
Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der jungePoet.
Er dichtete und träumte. Dichten, Phantasieren und
Träumen ist ein Geschäft, bei dem zeitweise unge-
mein wenig Gewinn herausschaut, der Poet wusste
das. Er wusste, dass sein Unternehmen keineswegs
einträglich sei. Er war sich der Kühnheit und Wag-
halsigkeit seiner Lage vollkommen bewusst. Rechte
Poeten sind stets gescheite Menschen, die ganz ge-
nau wissen, dass sie Tapferkeit nötig haben, um
den Mangel an Achtung zu ertragen, welchem sie
sich dadurch aussetzen, dass sie das sind, was sie sind,
nämlich Poeten. Er, der hier in der Dachkammer
sass, war sozusagen in einem Brüten über sich selbst

begriffen. Zu diesem Sieden und Brüten eines ge-
dankenvollen Kopfes kam noch das Brüten, Sieden
und Braten, das Sengen und Kochen der sommer-
lichen Hitze. Es herrschte in der Kammer eine
bedenkliche, beträchtliche Schwüle und Wärme.
Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier mit einem an-
gefangenen Stück Prosa. Von Zeit zu Zeit spazierte
der Poet in seinem Kerker oder Bleikammer auf
und ab, um sich einige Bewegung zu verschaffen,
wobei er Verse von Heinrich Kleist leise oder
laut rezitierte, eine Übung, die ihm neuen Mut
einhauchte. Ein sehr edler aber vielleicht allzu
bürgerlich denkender Mensch hatte dem Poeten
ernste Vorwürfe gemacht. Was hatte der Poet viel
erwidern sollen? Ein Poet erregt eben mit seiner

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