Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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wenigen Jahren geblieben. Nicht in einer be-
stimmten Lehre, sondern selbständig arbeitend,
offenen Auges durch den Louvre, durch die
Kunsthandlungen gehend und die Arbeiten der
Impressionisten, Cezannes und van Goghs auf sich
wirken lassend. Nur ein charaktervolles Talent
konnte in dieser Weise frei in Paris studieren und
dabei sich selber finden, konnte ohne schädliche
Verwirrung durch die vielen Anregungen und Er-
regungen hindurchgehen und sich dabei stetig ent-
wickeln. Neben den Impressionisten heranwachsend,
hat Maria Slavona ihren Farbensinn mit Frauengrazie
kultiviert, hat sie gelernt raumhaft zu sehen und zu
malen, die Valeurs so bestimmt und leicht zu treffen,
dass sie die Wahrheit der Natur in schöne Kanti-
lenen verwandeln kann und die Technik so zu be-
wältigen, dass diese den Regungen eines nervösen,
raschen Temperaments mühelos folgt. Im Paris der
Impressionisten ist die Künstlerin gut deutsch ge-
blieben, von Frankreich aus hat sie an der allge-
meinen nationalen Aufgabe mitgearbeitet, unserer
Malerei die Handwerkstüchtigkeit zurückzugeben
und sie wieder künstlerisch vornehm zu machen.
Die Grenzen der Bewegungsmöglichkeit sind diesem
weiblichen Talent naturgemäss nicht eben allzuweit
gesteckt; innerhalb dieser Grenzen aber hat es stets
das Echte gewollt und oft Vorzügliches erreicht.
Maria Slavona hat wie ein Mann gelernt, um ihr
Frauenempfinden ausdrücken zu können. Ihr Im-
pressionismus ist empfindungsvoll, er ist lyrisch und
sucht die Stimmung; er liebt reiche Wirkungen
und hat einen schnellen Puls. In den Bildern ist
ein innerer Jubel über die Schönheit der Natur,
über den Zauber von Form, Farben, Raum und
Tonwert. Alles ist klar und herzhaft gesehen und
mit einer feinen technischen Delikatesse wieder-
gegeben. Aber ohne Virtuosität. Und ohne Kunst-
gewerblichkeit. Die Natur ist immer wie von einer
dichterischen Empfindung emporgehoben; die Kunst
hat etwas Freudiges, etwas jungfräulich Glückliches
und Zartes, oft fast etwas Zerbrechliches. Selbst in
der Freien Berliner Sezession, mitten unter den
lauten Gebärden der Jüngsten, zog vor einiger
Zeit ein Stilleben der Künstlerin durch die lautere
Klarheit der Valeurs den Blick auf sich. In Still-
leben giebt Maria Slavona überhaupt ihr Bestes.
Eine frühe Landschaft, wie die hier abgebildete
„nie de FOrient" ist merkwürdig dadurch, dass

die Art Karl Walsers in einigen Punkten vorweg-
genommen erscheint. Da es sich um ein Bild aus
dem Jahre 1898 handelt, neben dem viele ähnliche
entstanden sind, kann von direkten Beziehungen
nicht die Rede sein. Am meisten sie selbst ist
Maria Slavona aber in ihren Blumenstilleben.
Dort spricht ihre Natur. Auch die Landschaften
und Bildnisse geraten ihr immer mehr oder weniger
ins Stillebenhafte. Mit Ausnahme vielleicht jener
frühen Pariser Landschaften vom Ende der neun-
ziger Jahre. Die späteren Landschaften sind weit
farbiger, aber ihre koloristische Wirkungsfreude
ist oft mehr auf den schönen als auf den kosmisch
richtigen Ton gestellt; das bringt auch in diese
Arbeiten ein Element des Stillebenhaften. Und
ebenso sind die Bildnisse von Frauen und Kindern
nicht so sehr psychologische Menschendarstellungen,
als vielmehr malerisch wirkungsvolle Arrangements.
Das Verhältnis der Malerin zur Landschaft sowohl
wie zum Menschen ist nicht ergründend. Die
Darstellung der Blumen aber ist wie eine schöne
Handlung des Instinktes. Den Blumen gegenüber
ist Maria Slavona ganz frei und sicher, ihnen ge-
winnt sie den Reiz des Leichten ab, ohne kon-
sistenzlos zu werden. Dort gelingt ihr jenes De-
korative, das weder mit dem Kunstgewerblichen
noch mit der Palette zu thun hat. Dort braucht
sie nur zu empfinden, um das Rechte zu treffen.
Dort sieht man auf den ersten Blick, von wem das
Bild ist.

In Paris sind die Vorzüge dieser Malerei früh
schon anerkannt worden; die Künstlerin hat dort
ständig ausgestellt. In Deutschland konnte man
eigentlich, abgesehen von einzelnen Bildern in den
Sezessionsausstellungen, nur einmal eine Kollektiv-
ausstellung sehen; das war im Jahre 191z bei Paul
Cassirer. Dort konnte man gut erkennen, wie
geschmackvoll und reif diese Frauenkunst ist.
Gerade wenn man grundsätzlich nicht viel von
dem Künstlertum der Frauen hält ■— und gar
nichts von dem der Damen — ziemt es sich auf
eine Malerin wie diese besonders einmal hinzu-
weisen, weil sie, in all ihrer natürlichen Abhängig-
keit, eine Persönlichkeit ist und eine Künstlerin von
Rasse. Die Kultur in der Malerei Maria Slavonas
ist in Deutschland zu selten, als dass wir uns ihrer
nicht dankbar freuen sollten, wo immer Beispiele
uns vor Augen kommen.

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