Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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IM URTEIL DER KOLLEGEN

Bei einem offiziellen Fest im Palais Royal standen
einige der berühmtesten Pariser Künstler im Gespräch
beieinander. Sie redeten von Ingres. Delacroix fragte
Vernet: „Was finden Sie eigentlich so bewundernswert
an Ingres? Seine Zeichnung?" „Nein," antwortete
Vernet, „er zeichnet wie ein Kaminkehrer." „Seine
Farbe?" fragte Delacroix. „Unsinn, er malt ja Stroh."
„Komposition?" „Lächerlich, keinen lebendigen Men-
schen bringt er zusammen, sehen Sie doch die Sympo-
sion, ein Durcheinander wie ein Möbelwagen." „Was
also? seine Formen, seine Auffassung?" „Formen, Auf-
fassung! Sie sind toll. Er malt doch nur Glieder-
puppen." „Dennoch," sagte Delacroix nachdenklich,
„trotz seiner Fehler ist Ingres ein tüchtiger Maler."
Da machte Vernet einen Satz und schrie: „Ingres,
tüchtiger Maler! Er ist der grösste Künstler der Gegen-
wart."

DER WERT DER KRITIK

Decamps wurde einmal gefragt, was er von dem
Wert und der Bedeutung der Kunstkritik halte. Er
wusste nicht recht etwas Allgemeines zu sagen. Der
Frager wollte es ihm erleichtern und sagte, es brauche
nichts Allgemeines zu sein, etwas Persönliches thue es
auch. Da ging es besser, und Decamps sagte:

„Die Wahrheit zu sagen, ist mir jede Kritik voll-
kommen gleichgültig. Ausgenommen natürlich die

lobende. Die lese ich genau so gern, wie 'alle meine
Kollegen."

WILHEM v. KAULBACH UND KÖNIG
LUDWIG I.

Als Wilhelm v. Kaulbach an seinem Karton „Peter
Arbues" arbeitete, besuchte ihn König Ludwig I. von
Bayern und sagte, auf die Zeichnung blickend: „Erst
bringen Sie uns den Nero und jetzt kommen Sie mit
Peter Arbues." Kaulbach erwiderte: „Ja, Majestät, ein
Schurke nach dem andern."

DER VEREHRUNGSHUND

Böcklin und Gottfried Keller sassen in einer italie-
nischen Weinkneipe und tranken. Da gesellte sich
vom Nebentisch ein Fremder, ein Schweizer, hinzu, der
erfahren hatte, wer die Beiden seien. Er wandte sich
mit einem Redeschwall an Keller, lobte dessen Schrif-
ten, dankte für den Genuss und sprach von seiner tiefen
Verehrung. Keller sagte kein Wort und drehte dem
Lobredner immer mehr den Rücken zu, so dass dieser
die Zurückweisung schliesslich merkte und verlegen
davonging. Böcklin wandte sich vorwurfsvoll an Keller
und machte ihn auf die Grobheit seines Betragens auf-
merksam. Worauf Keller kurz erwiderte: „Ach was,
soll ich mich von jedem Verehrungshund anpissen
lassen."

FÜNFZEHNTER JAHRGANG. NEUNTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 19. MAI. AUSGABE AM I. JUNI NEUNZEHNHUNDERTSIEBZEHN
REDAKTION: KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER IN BERLIN. GEDRUCKT IN DER OFFIZIN

VON W. DRUGULIN ZU LEIPZIG
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