Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Die neuen Dinge und die Malerei

von BERNHARD H. BAER

Die neuen Dinge: das sind die Maschinen und was die Maschine hervor-
bringt; die Mittel rascher Fortbewegung — Bahnen, Autos, Flugzeuge;
die Bauten von Beton, Eisen, Glas.

Vor hundert Jahren begann der Einbruch technisch geformter Dinge in
die Erscheinungswelt: nun stehen sie im Zentrum, überall eindringend,
ändernd, bestimmend. Im neunzehnten Jahrhundert erschienen die techni-
schen Dinge oft verkappt. Man verbarg ihren Zweck, umgab sie mit ent-
stellender historischer Verbrämung. Nun zeigt man sie nackt, ja übertreibt,
um die technische Funktion zu demonstrieren. Über das technisch Be-
dingte hinaus werden maschinenhafte Formen angenommen und nach-
geahmt. Das Struktive wird betont, jede Abweichung von den Grund-
formen ist verpönt. Die neuen Architekten formen die Erscheinung der
Städte. Kurvationen der Automobile, Aufbauten der Ozeanschiffe werden
in Bauteile umgesetzt. Neuartige Leuchtkörper — gefolgert aus dem Wesen
des elektrischen Lichts — bestimmen das Nachtbild der Straßen. Eine Art
stilbildender Kraft geht von der Technik aus.

In diesen hundert Jahren ist von den neuen Dingen kaum etwas in das
Stoffgebiet der Malerei gedrungen. In der Bildwelt Courbets oder Manets
oder Liebermanns spielen sie keine Rolle. Die wenigen Ausnahmen sind
zu zählen; Blechen hat das Eisenwerk bei Eberswalde gemalt, aber die
hohen Schornsteine der Fabrik sind nur Requisit in der Landschaft.
Menzels Bild von der Bahn Potsdam-Berlin ist ein Landschartsbild, in dem
der fahrende, qualmende Zug auftaucht. Im „Eisenwalzwerk" wird die
Industrieanlage Objekt der Darstellung; aber alles ist noch handwerksnah —
eine riesige Schmiede. Liebermann hat Stätten der Arbeit gemalt; aber keine
gegenwartsnahe Arbeit. Die Flachsspinnerinnen: der dämmerige Saal, in
dem die Mädchen hin und wieder gehen. Die Frauen beim Netzeflicken.
Die Gänserupferinnen. Arbeit, die es so schon seit Jahrhunderten gibt, nicht
Fabriken, nicht technisierte Arbeit. Die Großstadt Lesser Urys mit ihrem
grauen Dunst über abendlichen Straßen, mit den Droschken, den spie-
gelnden Gaslaternen im feuchten Asphalt ist nicht die Großstadt dieser
Tage. Die Realität des Gestern erscheint verschleiert durch Regentrübe
und Dämmerung. Und Penneil suchte vergebens, die eisernen Gerüste
moderner Industriebauten mit Strichen zu greifen, mit denen Whistler
Venedig gab.

Wenn die Impressionisten die technischen Erscheinungen in ihre Bild-
welt nicht autnehmen, so ist es auch die Hemmung durch die Konven-
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