Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

Page: 56
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1933/0070
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
EMMY ROTH, SILBERSCHALE

ORIGINAL ANGEKAUFT VOM LEIPZIGER MUSEUM
PHOTO ROSE NICOLAIER, BERLIN

Schönes Gerät: Arbeiten von Emmy Roth

von MUSSIA EISENSTADT

Wir sind, so glauben wir wenigstens, Menschen einer späten Zivilisation. Unser Zeitalter
werden auch kommende Generationen nicht als golden oder silbern bezeichnen. Die
Werkstoffe unserer Häuser und unseres serienmäßig hergestellten Gebrauchsgeräts sind
nicht naturgegeben, sondern werden von der Industrie fabriziert; wir verlangen, daß ihre
Form den maschinellen Ursprung nicht verleugne.

Umso höhere Ansprüche stellen wir an die kluge Sicherheit der Hand, die aus dem köst-
lichen Xaturstoff des Edelmetalls, Gold oder Silber, erlesenes Gerät und Schmuck formt.
Auch hier hat die Maschine vielerorts den Meister verdrängt — wie wir glauben, zu Un-
recht. Die präzise Spur der für die Bijoux des achtzehnten Jahrhunderts vielverwendeten
Guilloche und Punze mag dem Gold oder der Goldfolie zu sprühend abgehacktem Effekt
verhelfen; die reine Zeichnung einer silbernenChippendale-Schülsel, die handgetriebene
Wölbung eines Gefäßes unserer Zeit werden wir aber der gegossenen „Kleinarchitektur"
einer typischen Empirearbeit vorziehen. Die belehrte Industrie liefert vorzügliche, ma-
schinell hergestellte Bestecke aus billigen Legierungen: dürfen wir jedoch silberne wäh-
len, so wird Auge und Tastsinn, das Gefühl für die Verarbeitung eines eigenwilligen
Stoffes von dem weichen Fluß eines handgeschiniedeten Stücks, von den winzigen na-
türlichen Unebenheiten seiner Obertläche vollkommene Befriedigung erlangen.
Den Bestrebungen des Werkbunds, den Lebensbedingungen jedes Stulls gerecht zu wer-
den, haben sich die führenden Gold- und Silberschmiede unserer Zeit angeschlossen; zu
den ersten gehörte Frau Emmy Roth, die in diesem Winter ihr fünfundzwanzigjähriges
Künstlerjubiläum feiert. Eine Ausstellung ihrer Arbeiten, die sie aus privaten und öffent-
lichen Sammlungen zurückholen mußte, gab ungemein erfreuliche l'roben ihrer reichen
und sehr disziplinierten Begabung. Der Ausgleich, der jedesmal zwischen der genau er-
faßten praktischen Funktion des Gegenstandes und den vielfaltigen Möglichkeiten seiner
Formgebung gefunden wurde, hält sich von kunstgewerblicher Verspieltheit und doktri-
närer Dürre gleich fern. Das schwer Fließende des Metalls gibt der offnen Schale aus

5<S
loading ...