Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 1.1889/​90

Seite: 333
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Noch ein Wort zur Erinnerung an Eduard Bendemann.

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und Harpokrates, 5) Cids letzte Berufung durch
Petrus, 6) Theologie und Humanität, 7) Henock-
Idris mit dem Schwan des Paradieses. Die Schen-
kung beansprucht deshalb ein besonderes kunstge-
schichtliches Interesse, weil das Museum schon
einige der hierher gehörigen Kartons, sowie die
Aquarellbilder Jägers zu demselben Cyklus besitzt.
Eine grosse Anzahl von Bildern wurde, ausser
den bereits genannten, durch letztwillige Verfügung
ihrer Besitzer überwiesen; so von dem Stadtältesten
Raymund Härtel zwei italienische Landschaften „Cani-
pagna bei Rom" und „Gegend bei Sorrent" des vor-
Aviegend aus dem Süden seine Motive schöpfenden
Dresdener Meisters Ludwig Gurlitt, sowie eine „ Kreuz-
tragung ? von Johannes Franck(?); von der im April
1888 in Bernburg verstorbenen Frau Karoline von
Schwabe, geb. Lincken, das Selbstbildnis des ver-
storbenen Landschaftsmalers August Bromeis zu
Kassel.

NOCH EIN WORT ZUR ERINNERUNG AN
EDUARD BENDEMANN.

Wenn ich ihn in den trüben Nebeltagen des
Herbstes, mit dem Taschentuche vor dem Munde,
durch den Hofgarten wandeln sah, ängstlich die
Wege vermeidend, auf welchen ihm jemand begeg-
nen und ihn anreden konnte, dann fragte ich mich
schmerzbewegt: Wie lange wird er noch unser sein?
Und doch war er noch immer derselbe humane,
klar schauende, still sich freuende und still duldende
Mann, wie ich ihn vor neun Jahren an der Seite von
Woermann im Malkasten zuerst kennen gelernt!
Unsere grossen Männer haben ja das Wort der
Bibel Lügen gestraft und werden 90 Jahre alt und
älter. Doch da kam die tückische Krankheit, die
wir zuerst verlacht und dann fürchten gelernt haben.
Als ich von seiner Erkrankung hörte, lag er schon
im Sarge. Mit ihm sank die letzte Säule des vor-
märzlichen Idealismus. Geborsten war sie schon
lange.

Am 3. Dezember vorigen Jahres war Bende-
mann 78 Jahre alt geworden. Ihm einen Nekrolog
zu schreiben, der ängstlich von Datum zu Datum,
von Werk zu Werk schreitet, hiesse das Papier er-
müden und den Leser zugleich. Ich hatte das be-
sondere Glück, für Meyers Künstlerlexikon die voll-
ständigste Biographie des Meisters zu schreiben und
durfte dabei grösstenteils aus authentischer Quelle
schöpfen. Hier kann ich darauf verweisen, aber
ich verweise zugleich auf die bedeutende und mit
dem ganzen Individualismus des persönlichen Be-

obachters geschriebene Biographie von Pecht, welche
im dritten Teile seines modernen Vasari zu finden
ist. Doch lese man diese Darstellung mit Vorsicht
und lasse sich in dem eigenen Urteil nicht beirren!
Ich habe früher Gelegenheit gehabt, anzuerkennen,
dass Pecht einer der wenigen berufenen Kritiker für
Malerei in Deutschland ist. Aber Pecht hat in seiner
Betrachtungsweise zwei schwache Stellen, welche mit
dem Alter stetig zugenommen haben, den Antisemi-
tismus und die Deutschthuerei. So hat er sich in
seinem Urteil über die Franzosen allmählich fest-
gefahren, bloss weil er nach Effekt bei der urteils-
losen Menge haschte, die mit Schlagwörtern gelockt
sein will. Unsere jungen Düsseldorfer Künstler sind
ohne Ausnahme entzückt von der Kunst der Fran-
zosen aus Paris zurückgekehrt.

Aber auch Bendemann gegenüber versagte das
sonst gesunde Urteil. Sucht man denn nach einer
orientalischen Kreuzung in dem Stammbaum Michel
Angelo's, weil er mit Vorliebe alttestamentarische
Gestalten und Geschehnisse darstellt? Ist das Blut
Schnorrs darum weniger rein, weil ihn vor allem
die Geschichte des auserwählten Volkes im Gewände
der Bibel beschäftigte? Oder waren die Soldaten
Cromwells minder gute Christen, weil sie ihren Kin-
dern alttestamentarische Namen beilegten und Psal-
men sangen? — Nein, Bendemann war eine prote-
stantisch - germanische Natur, wie nur je eine die
deutsche Nation zu den Ihrigen gezählt hat. Das
Beste, was er schuf, lag gar nicht auf altbiblischem
Gebiet, es war von antikem Geist voll und ganz
durchweht, ich meine den Fries im königlichen
Schlosse zu Dresden.

Aber auch in seiner Charaktersistik der Stadt
Düsseldorf um die Mitte der zwanziger Jahre geht
Pecht irre, wie ein Student, der bei seiner ersten
historischen Arbeit alle Quellen kritiklos durchein-
ander wirft. Schon Bendemann hat ihn in dem der
Biographie angefügten Briefe in seiner liebenswür-
digen Weise, aber mit schlagender Gründlichkeit
widerlegt, und Bendemann war viel zu zart, seinem
Biographen die Wahrheit unverhalten ins Gesicht
zu sagen. Düsseldorf um jene Zeit den ausschliess-
lichen Charakter einer kleinen philiströsen Hofstadt
beizulegen, das heisst nicht Geschichte schreiben,
sondern Geschichte machen. Am Rhein, und zumal
in dem unter französischem Einfluss aufgewachsenen
Düsselstädtchen wehte eine scharfe republikanische
Luft, unter der im Jahre achtundvierzig die hellen
Flammen emporloderten, die noch heute zuweilen
empfindlich berührt, wenn man achtlos an eine zug-
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