Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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GEMÄLDE-GALERIE HANNOVER: „RAUM DER ABSTRAKTEN"

Auf Veranlassung von Museumsdirektor Dr. Dorner, Hannover, entworfen von
Prof. Lissitzky, Moskau

ZUR ABSTRAKTEN MALEREI

Erklärung zum Raum der Abstrakten in der Hannoverschen Gemäldegalerie

Der Sinn der abstrakten Kunstbewegung
liegt in ihrem Bestreben, über den bisheri-
gen Bildaufbau hinaus in eine neue unbe-
kannte Welt der Vorstellungen von Baum
und Körper tastend vorzudringen.

Alle Bilder, die der Besucher bisher ge-
sehen hat, seit Lukas Cranach und Brueghel
bis zu Paula Modersolm und den Expres-
sionisten, sind sich darin gleich, daß sie auf-
gebaut sind wie eine Bühne. Sie alle sind
gleichsam ein Ausblick aus einem Fenster,
wobei der Fensterrahmen dem Rahmen des

Bildes entspricht, und das Bild selbst ist ein
Ausblick über ein mehr oder minder großes
Stück der Erdoberfläche. Die Ordnung in
diesem Raum mit allem, was darin steht,
ist durch die Perspektive geschaffen. Diese
wurde um i4oo entdeckt und kam dem
damaligen Bedürfnis des Menschen nach
Erweiterung ihrer Vorstellungen entgegen,
indem sie durch ein mathematisches System
die Illusion des Baumes erzeugte. Denn im
Bild vor i/ioo findet sich keine klare Vor-
stellung dieses Baumes. Das Mittelalter

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