Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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Aber so weit möchte icli doch nicht gehen wie dort mit der Auswertung der Statistik gemacht
Sie, lieber Herr Rading, der Sie aus dieser Dar- hat, nicht mit aller Sicherheit annehmen darf!
Stellung das Gegenteil herauslesen, das heißt, daß Mit dm schönsten Grüßen stets der Ihre
uns diejenigen Länder, die weniger Bücher her-
stellen, augenblicklich kulturell über sind. Diu- . Riezler
fen wir wirklich den Rückgang der Bücherherstel- Llebcr Herr R»ezler,

lung in Amerika und Italien so interpretieren, daß aUes zugegeben. Aber heißt das nicht, die Sache
es dort gerade die kulturelle Höherentwicklung allzuschwer nehmen? Ich wollte nicht ...gründ-
ist, die die Menschen vom Bücherschreiben abhält? lieh" sein. Wesentlich war mir nur, mich gegen
Soviel ich weiß, ist das Bibliothekswesen in Arne- die aggressive Selbstzufriedenheit zu wenden, die
rika in einer außerordentlich raschen Entwick- ln der Überschrift zum Ausdruck kommt, die dem
lung begriffen. Das würde also beweisen, daß anderen sagt, sieh mal, was für ein Kerl ich bin.
man auf Bücherlesen sehr viel Wert legt, — daß Erst komme ich, dann eine ganze Weile gar nichts

man aber dabei in steigendem Maße auf die — na ja — und dann...... Für mich eine be-

Bücherproduktion Europas angewiesen ist, ebenso sonders unangenehme Mischung. Dem wollte ich
wie es ja auch auf dem Gebiete der öffentlichen eine Auffassung gegenüberstellen — ebenso ein-
Kunstpflege der Fall ist, und wenn in Amerika deutig —, die meiner Meinung nach produk-
irnmer weniger Bücher geschrieben werden, so tiver ist-
könnte man daraus schließen, daß den Ameri- Gegen produktive Bücher ist gewiß nichts zu
kanern selber nicht sehr viel einfällt oder daß sagen. Sie werden zugeben, daß wir auch in
ihnen das Bücherschreiben nicht genug gewinn- Deutschland nicht gerade unter einer Überfülle
bringend erscheint. Beides wäre nicht gerade ein davon leiden. Dagegen scheint mir die Produktion
Zeichen kultureller Überlegenheil. der anderen recht reichlich zu sein. Auch indirekt

Doch möchte ich das nur mit aller Vorsicht zu für illre Vermehrung einzutreten, scheint mir

bedenken geben, - wie ich ja auch vermuten überflüssig, sogar schädlich. Ich finde, wir haben

möchte, daß der Rückgang der Bücherproduktion lmmer nodl allzuvlele ln Deutschland, die sich

in Italien weniger mit einer kulturellen Höher- Sern das Leben von draußen von irgendeinem ge-

entwicklung als mit dem nicht zu leugnenden gei- scllülzten Winkel aus ansehen. Gern zugegeben,

stigen Druck, den die Herrschaft des Fascismus daß vleles bessor geworden ist. Aber wir sollten

auf das Land ausübt, zusammenhängt. Schließlich me vergessen, immer wieder diejenigen zu stär-

werden Sie mit mir darin einig sein, daß man km' die dabei Slnd> das unmittelbare Leben pro-

auch die Japaner zu den aufstrebenden Völkern duküv zu gestalten. Damit würden wir Aussicht

rechnen muß; bei ihnen ist aber die Bücherpro- baben>;u- a- erheb ich schneller die schwerfälligen

duktion gestiegen Verwaltungs- und Gesetzesmaschinen loszuwer-

. 0 .° den, unter denen wir leiden und damit die Hände

Die 1" rage ist zweifellos sehr kompliziert und r • , i r.. • , , A i •,

. , . 0 .... ... , \T. , . . lrei zu haben iur wirkliche Arbeit.

lohnt eine gründliche Überlegung. Wobei wir

freilich voraussetzen müssen, daß die in jener Mit den herzlichsten Grüßen

Reklame angeführten Zahlen überhaupt stimmen, Ihr

— was man bei den Erfahrungen, die man da und Adolf Rading

DOGMEN

FÜR GESUNDEN DOGMATISMUS IN DER KUNST

Freiheit ist nicht Zügellosigkeit
Dogmatismus nicht knechtische Bindung!

Wenn in Nr. 11 des Jahrganges ...gegen den zustellen, nicht um einer Meinung eine andere

Dogmatismus in der Kunst" geschrieben wurde, entgegenzustellen, sondern um zu klären,

so ist dem einiges entgegenzuhalten. Das Wort Dogmatismus stammt aus dem

Ich benutze deshalb die Gelegenheit, die ganz Sprachgebrauch der katholischen Kirche. Dogmen
grundsätzliche Frage, die immer wieder und meist sind nicht, wie immer wieder irrtümlich angenom-
— vielleicht sogar immer — wieder unhefriedi- men wird, vergewaltigende Regeln, die von Men-
gend behandelt wird, einmal in meiner Schau dar- sehen über die Gesetze der Vernunft gestellt wer-

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