Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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umgeben ist. Diese Voraussetzung bestimmte
mich, abgesehen von ausslellungstechnischen
Gründen, die Gartenbauhallen gegen die lebendi-
gen Baumwände zu stellen. Hierin lag also die
einzige Möglichkeil, das Pflanzliche zur Geltung
zu bringen, sie lag in dem Kontrast zwischen
Baumkronen und Baukörper. Die Wege, Beete,
Wasserflächen schließen sich den horizontalen
Linien an. Der Pflanze wurde aber innerhalb des
durch die Hallen begrenzten Raumes dadurch
wieder Freiheit geschenkt, daß hinter die breite,
blühende Seerosenfläche, zwischen Terrassen-
mauer und Ausstellungshalle eine Sommer-
blumenterrasse mit der Farbigkeit hunderttausen-
der Blütengeschöpfe eingefügt wurde.

Einen entgegengesetzten Fall zeigt Seile 86 oben.
Im Vordergrund stehen auf dem Vorhofe ohne
Zwang die Bäume und bilden den Zusammenklang
zwischen Pflanze und Architektur, die ihrerseits
sich doch wieder klar vom grünen Hintergründe
des Parkes abhebt. In keinem der anderen Bilder
tritt der Unterschied zwischen der festen und

trotzdem bewegten Struktur des gewachsenen
Baumstammes und dem von Menschenhand gebau-
ten Mauerkörper so deutlich hervor. Aus Seite 86
unten spricht die malerische Bomantik des Parkes,
in dem Zweige und Blätter einheimischer und exo-
tischer Pflanzen mit Sonne, Wind und Wasser-
strahlen in einem sich verweben. Vorauseilend
spüren wir in diesem Bilde die Vergänglichkeit,
die mit dem Herbste naht, wenn Wolken und
Regen die Sonne verdunkeln und die welken saft-
losen Blätter vom Winde gejagt werden. Dann
sehen wir nur noch Stamm und Äste und Zweige
der Bäume, in welchen der Lebensstrom jahraus
jahrein wogt, während die Wurzeln sich stark im
Erdboden verankern, Halt und Nahrung suchend.

Und endlich wächst der Baum mit Stamm und
Ästen, zeitlich und räumlich über Mensch und
Tier hinaus und wir stehen ehrfürchtig vor jenen
sagenumwobenen Baumriesen, unter denen mehr
als zehn Menschengenerationen den irdischen Weg
vorübergezogen sind (Seite 87).

Gustav Allinger

ARCHITEKTUR UND NATUR, ZWEIERLEI

FORMWILLE

In der Gestaltung des Gartens, d. h. eines das
Haus umgürtenden geformten Stückes Natur,
scheinen heule wieder die zwei im Ablauf der

PLAN DES GEGENÜBERSTEHENDEN HAUSES
MIT GARTEN

Zeiten immer sich ablösenden Grundanschauungeu
um die Vorherrschaft zu streiten: die architek-
tonische und die landschaftliche.

Im ersten Aufschwung neuer Bauabsicht vor
einem Menschenalter suchte der Architekt die Um-
welt mit einzuspannen in die strenge Zucht räum-
licher Klarheit, an Stelle widerlich verlaufener
und verzettelter Landschaftsgärtnerphantasien trat
Gliederung in geometrische Raumabschnitte, die
alle mehr oder weniger erkennbar Zusammenhang
mit dem Hauskörper suchten.

Der Gärtner aber, der Mensch, dessen Lebens-
rhythmus am engsten mit dem pflanzlichen Sein
verbunden ist, entdeckte damals fast plötzlich un-
geahnte Berauschungen an Farben und Formen in
wenig geachteten oder ganz unbekannten Blumen
und Sträuchern und gab sich liehevoll ihrer
HÖherzüdhtung hin. Mit diesen neuen Er-
kenntnissen drang er in die reinlichen wenn
auch steinig nüchternen Bezirke architektonischer
Geomelrik ein: und der fühlende Gartenfreund
w urde davon überwältigt, so sehr, daß alle mühsam
errungene formale Verfestigung bedenklieh ins
V\ anken geraten mußte. Woran durfte man auch
mehr reine Freude empfinden — und dieses gänz-
lich menschlich-gemütliche Moment muß schließ-
lich doch Ausschlag geben — an Befriedigung
des ordnenden Geistes durch Klarheit und An-
schaulichkeit, oder an unendlicher Fülle der
verschwenderischen Schöpferin Natur? Die Ant-
wort konnte immerhin zweifelhaft sein.

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