Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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JOHANNA VON ORLEANS. EIN FILM

Die Ufa verleiht diesen Film, den die franzö-
sische Filmgesellschaft „Societe Generale des
Films" gedreht hat. Er behandelt das Ketzer-
gericht über die französische Heilige, ihren Flam-
mentod und schließt mit Szenen der Empörung
des Volkes gegen die Verbrennung der Heiligen.
Der Film ist von außerordentlicher Qualität und
geht in der Darstellung einen ganz eigenen und
neuen Weg. Es werden fast nur Großaufnahmen
gezeigt und im Mittelpunkt der Vorführung steht
das Gesicht der Johanna, gleichsam als Spiegel der
Ereignisse. Außerordentlich interessant ist es, wie
der Operateur die prächtigen Köpfe der Priester,
der Soldaten und der Johanna bald von vorn, bald
von der Seite, bald von unten aufgreift, wie er
immer nur Ausschnitte herausgreift und durch
den phantastischen Wechsel des Stands des Objek-
tivs die merkwürdigsten und doch eindruckvoll-
sten Bilder faßt. Die Typen sind mit äußerster
Drastik und doch mit markanter Naturhaf ligkeit
gegeben. Johanna ist ein Bauernmädchen, fast
verstockt, urwüchsig und ohne jede Pose. Die
Leistung der Darstellerin Mlle. Falconetti be-
herrscht den ganzen Film, und man muß sich dar-
über klar sein, daß nur diese ungeheure schau-
spielerische Leistung die Möglichkeit zu dieser
eigenartigen Filmschöpfung gegeben hat. So stark

die Leistung ist, so ist es doch notwendig, daß man
sich darüber klar ist, daß hier ein Weg beschrit-
ten wurde, den man nur einmal gehen kann. Es
ist kein Weg für den Film überhaupt, denn
letzten Grundes ist es nur eine mimische Inter-
pretation des Textes, da jeder Ausspruch, jede
Frage in Schrift auf der Leinwand wieder-
gegeben wird.

Die Aufnahmetechnik jedoch zeigt, welche Mög-
lichkeiten dem Film noch offen stehen, wenn
man mit der Kamera sozusagen in den Baum hin-
eingeht, um die Dinge herum und sich auch nicht
scheut, etwa marschierende Soldaten senkrecht von
oben her aufzunehmen oder das Antlitz eines
Menschen von unten her aufzugreifen. Nirgends
wird in diesem Film Baum gezeigt. Immer stehen
die Menschen plastisch und groß im Mittelpunkt.
Die Filme Eisensteins haben die schlagende Wir-
kung von Detailaufnahmen kleiner Objekte und
ihrer fast symbolischen Darstellung in realistischer
Form gezeigt. Hier wird das Große, der Mensch
in seinen physiognomischen Wandlungen groß
und monumental an die Beschauer herangebracht.
Die Monumentalität ist jedoch nie aufdringlich,
sie ist künstlerisches Mittel, vor allem weil sie
gesteigerte Bealistik ist, doch nicht gesteigert
durch theatralische Mittel. W.

PAUL THIERSCH f

Vor einiger Zeit legte Paul Thiersch die Leitung
der Hallenser Kunstgewerbeschule (Werkstätten
der Burg Giebichcnstein) nieder, um eine Pro-
fessur an der technischen Hochschule in Han-
nover zu übernehmen. Zu diesem überraschenden
Entschlüsse wurde er unseres Wissens veranlaßt
durch die Enttäuschung darüber, daß er in Halle
nicht Gelegenheit hatte selbst zu bauen. Nun hat
ihn ein früher Tod erreicht, bevor er in seinem
neuen Wirkungskreis heimisch werden konnte.

Thiersch gehörte zu den jüngeren Führern der
kunstgewerblichen Bewegung, schon beinahe zur
zweiten Generation: als er, nach frühen Erfolgen
als Architekt, in die Bewegung eintrat, hatte sie
sich schon konsolidiert, und so konnte er als erster
das verwirklichen, was die älteren Führer von
Anfang an theoretisch gefordert hatten: er stellte
die Werkstätte in den Mittelpunkt des Schulbe-
triebs, den er zu leiten hatte, und zwar nicht
etwa eine Art von „Lehrwerkstätte", die nur als
Übungsfeld der Schüler dienen konnte, sondern
eine leistungsfähige Werkstätte, die für den Ver-
kauf zu arbeiten hatte und sich auch bald ein
festes Absatzgebiet sicherte. Auf allen Ausstel-
lungen und Messen fielen die Arbeiten der
„Werkstätten der Burg Giebichcnstein" auf, Ke-
ramiken, Webereien, Metall- und Emaillearbeiten
von einer sehr einheitlichen, charaktervollen Hal-

tung, denen man die Energie und künstlerische
Überzeugungstreue des Leiters wohl ansah, die
aber nicht etwa wie die Arbeiten des Weimarer
Bauhauses das bunte und nicht immer ganz ernst-
hafte Formenspiel des „Kunstgewerbes" in aske-
tischer Strenge verleugneten. Man hat der Schule
von Paul Thiersch manchmal diese entschiedene
Einstellung auf den Verkauf, die sich mit dem
eigentlichen Lehrbetrieb doch nicht ganz vereini-
gen lasse und einer durchaus gründlichen Aus-
bildung des handwerklichen Könnens im Wege
stehe, zum Vorwurf gemacht. In der Tat hätte
die Gefahr einer „Kommerzialisierung" der Schule
sehr nahe gelegen, ■— wenn nicht der hohe Sinn
ihres Leiters, die Besonderheit dieser Persönlich-
keit, die ganz sicher nicht materiell gerichtet war,
die vielmehr weiteste Gebiete der Künste um-
spannte und auch im Beich der Musik zu Hause
war, auf die Schule die stärkste Wirkung aus-
geübt hatte.

In der Geschichte dar modernen Kunstgewerbe-
schule ist das Kapitel ..Paul Thiersch" eines der
fesselndsten. Daß ihm das Geschick nicht ver-
gönnte, auch baukünstlerisch in großem Um-
fange zu wirken, ist ein Verlust auch für die
Zeit. Denn als er begann, galt er als eine der
großen Hoffnungen.

W. B.

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