Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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RUNDSCHAU

ZUM THEMA: AUSSTELLUNGEN

Ausstellungen sind Instrumente wirtschaftlicher und kultureller Arbeit. Sie müssen bewußt
gehandhabt werden.

Eine Ausstellung wird sowohl in ihrer Art als auch in ihrer Wirkung bestimmt durch die
ihr zugrunde/ liegende Problemstellung. Die Geschichte der großen Ausstellungen zeigt deutlich,
daß nur solche Ausstellungen einen entscheidenden Erfolg hatten, die aktuelle Probleme demon-
strierten und deren Mittel den angestrebten Zielen entsprachen.

Die Periode repräsentativer Ausstellungen mit rentabilitärem Erfolg ist vorüber. Entscheidend
für unsere Zeit ist die produktive Leistung einer Ausstellung, und ihr Wert kann sich nur an
ihrer kulturellen Auswirkung beweisen.

Die wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Voraussetzungen haben sich grundlegend
verändert. Technik und Wirtschaft stehen vor ganz neuen Problemen. Daß sie richtig erkannt
und eine sinnvolle Lösung linden, ist von entscheidender Bedeutung; nicht nur für Wirtschaft
und Technik, sondern auch für unser soziales und kulturelles Leben.

Will die deutsche Wirtschaft und darüber hinaus auch die europäische ihre Stellung behaupten,
so muß sie ihre spezilische Aufgabe erkennen und vollziehen. Ihr Weg führt von der Quantität
zur Qualität, vom Extensiven zum Intensiven.

Auf diesem Wege begegnet V\ irtschaft und Technik den entscheidenden Kräften des geistigen
und kulturellen Lebens.

Wir stehen mitten in einer Wandlung, einer A\ andlung, die die ^ elt verändern wird.

Diese Wandlung aufzuzeigen und sie zu fördern, wird Aufgabe der kommenden Ausstellungen
sein. Nur wenn es gelingt, diese Wandlung mit einem Schlage scharf zu beleuchten, werden sie
zu einer produktiven Wirkung kommen. Nur wenn das zentrale Problem unserer Zeit — die
Intensivierung des Lebens — Inhalt der Ausstellungen wird, finden sie Sinn und Rechtfertigung.

Sie müssen Demonstrationen führender Kräfte sein und zu einer Revolutionierung des
Denkens führen. Mies van der Rohe

Wir haben uns daran gewölmt. von einer Aus-
stellung zu verlangen, daß sie einen konzentrier-
ten Überblick über den augenblicklichen Stand
in dem Gebiet zeigt, dem sie gewidmet ist. Die
großen berühmten Ausstellungen der letzten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts bis zur Mün-
chener Gewerbeschau und zur Internationalen
Ausstellung in Paris 1925 haben einen ganz be-
stimmten Ausstellungstyp ausgeprägt. Sie sind je-
weilige Querschnitte durch das Formschaffen.
Aber dieser Querschnitt ist etwas mehr als eine
rein sachliche Feststellung, sondern er ist so ge-
legt, daß hauptsächlich diejenigen Erscheinungen
getroffen worden sind, die über die Breite hin-
ausragen und den Fortschritt künden. All die
Ausstellungen glaubten, den ganzen Umfang des
Gebietes erfassen zu müssen und möglichst kein
Randgebiet auszulassen, das noch irgendwie mit
dem Thema in Verbindung steht. Sie stellen so-
mit den Versuch dar, zwei Ausstellungsideen mit-
einander zu verbinden, einmal sachlich das Vor-
handene aufzuweisen von allem, was innerhalb
des Gebietes gefertigt wird, und andermal einzelne
Gruppen von Erscheinungen besonders hervorzu-
heben, weil sie der Zeil besonders wichtig er-

scheinen. Besonders dem Versuch, fortschrittliche
Schöpfungen stärker in den Vordergrund zu stel-
len, ist es zu danken, daß die Geschichte dieser
Ausstellungen zugleich die Geschichte der fort-
schrittlichen Bewegung auf dem Gebiet der ge-
staltenden Arbeit geworden ist. Nennen wir die
beiden Ausstellungstendenzen, die sich bei jenen
Ausstellungen verbunden haben, für unsere wei-
teren Ausführungen den konstatierenden Quer-
schnitt und den bewertenden Querschnitt. Der
konstatierende Querschnitt entspricht mehr den
Absichten der Produzierenden und ihrer Ver-
bände. Der bewertende Querschnitt mehr den Ab-
sichten derer, denen der kulturelle Fortschritt am
Herzen liegt, vom Gesichtspunkt der Entwicklung
aus gesehen.

\S ir werden 1930 es sicher erleben, daß in Ber-
lin eine Bau-Ausstellung entstehen wird, die das
ganze Gebiet des Bauens zur Darstellung bringen
wird, um einen möglichst absolut getreuen Quer-
schnitt durch das Gebiet zu geben. Das, was stär-
ker hervortreten wird, wird hervortreten, weil es
auf wirtschaftlich besserer Grundlage steht, nicht
weil es kulturell wichtiger ist. Forlschrill liehe
Momente werden nur dann stark in Erscheinung

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