Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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Erzeugnisse, sondern sie erkennt sich als
wichtiges Glied im kulturtragenden Orga-
nismus der heutigen Machtfaktoren. Solche
Machtfaktoren sind die Wirtschaft und
Industrie, der Staat, die Gewerkschaften,
die kulturellen Verbände und die Kommu-
nen. Und die Kommunen sollte man aller-
dings nicht in letzter Linie nennen, denn ihr
Tätigkeitstrieb ist heute oft größer als ihr
Vermögen. Aber irgendwo muß die Stoß-
kraft liegen, und die Stoßkraft der heutigen
Städte, die im Politischen und Wirtschaft-
lichen so stark ist, kann, richtig geleitet und
organisiert, auch auf kulturellem Gebiet
beinahe mehr leisten als jeder der anderen
Faktoren. Es soll nicht bestritten werden,
daß Ehrgeiz und Rivalität bei den Städten
oft zu Auswüchsen führen, aber man darf
nicht die Pressa zu diesen Auswüchsen
rechnen.

Adenauer hat es mit bewundernswerter
Geschicklichkeit und Umsicht verstanden,
die Pressa als geistige Idee und als Sicht-
barmachung eines wichtigen Lebensfaklors
unserer heutigen Zeit den politischen Strö-
mungen dienstbar zu machen. Die Auswir-
kung auf das Ausland ist sehr groß, sie hat
mitgeholfen, die Atmosphäre der geistigen
Zusammenführung der europäischen Völ-

ker zu stärken. Und die Achtung, die sie
dem Ausland vor dem ehrlichen Streben der
bisher immer wieder in sich zurückgestoße-
nen deutschen Kulturgemeinschaft vermit-
telt hat, ist eine große Tat. Wenn man das
mit „imponieren wollen" bezeichnet, und es
mit dem „imponieren wollen" des Garde-
leutnants von früher vergleicht, so ist das
ein Mangel an kulturpolitischer Einsicht.
Eine Stadt und ein Volk bestehen nicht nur
aus Wohnbauten, ebenso wenig wie die Lite-
ratur eines Volkes nur aus technischen
Handbüchern besteht. Gewiß ist die Woh-
nungsfrage die primäre. Aber in einer Ent-
wicklung nur sie betonen und alle Zu-
kunftswechsel für die kulturelle Zukunft
nicht auszuschreiben, ist eine kurzsichtige
Handlung. Dann darf man auch nicht den
Begriff der geistigen Qualität prägen und
ihn der rein mechanischen Qualität gegen-
über setzen. Denn alle Qualität und alle
Kultur, alles, was Schönheit heißt, hat nun
einmal den Beigeschmack von Überfluß.
Man wird sagen können, wir können uns
diesen Überfluß nicht leisten, aber dann ist
jede Möglichkeit einer Aufwärtsbewegung
erstickt und das Gefühl für kulturelle Ver-
antwortlichkeit muß einfach ausgeschaltet
werden. W. Lötz

REKLAME ARCHITEKTURBILDEND

Nicht nur neuer Gestaltungswille, andere
Baumaterialien, sondern auch neue Bedürf-
nisse schaffen die heutige Architektur. Das
gilt vom Wohnhaus, vom Industriebau, die
das Weichbild der heutigen Stadt umgestal-
ten, es gilt auch ganz besonders für die Ar-
chitektur, die das Gesicht der Stadt, die City
darstellt, für das Geschäftshaus. Hier ist
es das Propagandabedürfnis, das für die
moderne Geschäftsarchitektur bestimmend
wird: Zunächst muß die Ware ausgestellt,
sodann die Firma, zuweilen auch die Ware,
propagiert werden. Zudem: Reklame kostet
nicht nur Geld, sie bringt auch Geld, also
ist an so wichtigen Punkten, wie sie die Ge-

schäftsstraße, das Zentrum der Stadt, be-
deutet, jeder Platz, der für Reklame aus-
genützt werden kann, eine Geldquelle.

Folglich: die Architektur des Geschäfts-
hauses wird bestimmt in den unteren Stock-
werken (soweit es sich nicht um Waren-
häuser handelt) durch Schaufenster, in den
oberen Stockwerken durch breite Bänder,
die zur Aufnahme von Reklameschriften,
zumeist plastischen Leuchtschriften be-
stimmt sind. Sie beleben die Architektur
sehr glücklich, sie sind das natürliche, reiz-
volle, sachbedingte Ornament, gegen das
der puritanischste Architekt nichts ein-
wenden wird.

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