Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

Seite: 324
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nicht nur schielende Rücksicht auf ihn. Das
Objekt seiner künstlerischen Tätigkeit ist
also nicht die historische Form, die abzu-
wandeln, neu zu kombinieren oder zu mo-
dernisieren wäre, sondern der sorgfältig
durchdachte Werkbestand selbst, den er in
die einfachste., faßlichste, am leichtesten ver-
ständliche Form zu bringen sucht. Das ist
der Sinn der schon von Cezanne erwähnten
Kugel, Pyramide und Zylinder, des Kubus
und des in der Typographie so oft zitierten
Kreises, Dreieckes und Quadrates. Anschau-
liche Form ist erkennbare Form; erkennen
aber heißt Neues in eine bekannte Ordnung
einfügen. Wenn wir etwa alle überhaupt
denkbaren Flächenformen einzuordnen
hätten, so müßten wir wohl runde, recht-
winklige und spitze Flächenformen unter-
scheiden; die sinnfälligsten Repräsentanten
dieser drei Gruppen sind Kreis, Dreieck
und Quadrat. Es handelt sich um Oberbe-
griffe, um Kategorien, um kategoriales
Sehen. Kategoriales Sehen ist die besondere,
künstlerisch potente, formenerkennende,
formenschaffende Art und Weise des
Sehens, das aber nicht auf die Kategorien,
sondern auf die Objekte gerichtet ist. Der
künstlerische Wert der Vereinfachung liegt
also nicht in einer geheimnisvollen, mysti-
schen, magischen Kraft, die vom Kubus,
von der Kugel, vom Kreis, Dreieck und
Quadrat ausstrahlt, sondern der Künstler
gestaltet einfach, weil wir nur solche For-

EMAILG

Die Emailtechnik gilt seit alten Zeiten
als eine Ecleltechnik. Sie ist immer in Ver-
bindung mit Edelmetallen und bester Gold-
schmiedearbeit angewandt worden. Die be-
sondere Schönheit der Schmelzfarben und
ihre feine Wirkung zusammen mit dem
Metallglanz haben sie dazu bestimmt, be-
sonders edle und wertvolle Geräte zu zieren.
Von Anfang an hat man Schmelzfarben
dazu verwandt, ausgesprochen künstlerische
Wirkungen darzustellen. Die Möglichkeit,
verschiedene Farben in mehrfacher Abtö-
nung neben- und übereinander auf Metall
aufzuschmelzen, wurde bald dazu benutzt,
nicht nur ornamentale Gebilde zu erzeugen,

men verstehen, bei denen die folgerich-
tige Abwandlung, die logische Differen-
zierung aus den obersten Kategorien
augenscheinlich, ersichtlich ist. Das große
Reispiel dafür finden wir in der Plastik der
Ägypter, der Chinesen und des romanischen
Mittelalters. Hier herrschen die Kategorien,
aber das kategoriale Sehen ist dennoch voll
auf den funktionellen Restand, auf die
„Natur" gerichtet. Im Gegensatz zu dieser
schöpferischen Hinwendung findet man
heute so oft eine unfruchtbare Abwendung
von der als Gegenständlichkeit verdächtig-
ten Natur und ein Gerichtetsein auf das rein
formale Prinzip der Vereinfachung. Das
ist aber seinem Wesen nach der gleiche For-
malismus, der einst zum Historismus in der
Raukunst geführt hat. —

Mit dem alten Dogma der Symmetrie hat
man gründlich aufgeräumt. Hüten wir uns
davor, aus der Asymmetrie ein neues
Dogma zu machen.

Daß sich Ornament und moderne Gestal-
tung nicht unbedingt ausschließen, be-
hauptet auch der Amerikaner Wright.
Der schaffende Künstler braucht keine
Theorien; es sei denn, um sich gegen die
Ansprüche eines unverschämten Dogma-
lismus zu wehren, der ihm vorschreiben
will, was er tun dürfe und was nicht.

Paul Renner

ERÄTE

sondern auch, um Plastiken und Reliefs
teilweise zu überschmelzen oder nur mit den
Emailfarben bildmäßige Wirkung zu erzie-
len. Resonders im mittelalterlichen Gold-
schmiedehandwerk nimmt die Emailtechnik
eine führende und bestimmende Rolle ein.
Ihr besonderer Wert liegt wohl darin, daß
sie ähnlich wie das farbige Glas bei den
Glasfenstern einen Farbeneffekt erzeugt,
der rein äußerlich naturnah ist, aber den-
noch durch den feinen Glanz, die geflossene
Oberfläche und durch die Farbwerte, die
nicht durch negative Farbigkeit wie
schwarz, sondern nur durch den Glanz und
Fluß des Materials gebrochen werden, wie

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